60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Chris Bierl

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wenn Kunst aus Materialien gemacht wird, die für das künstlerische Schaffen hergestellt wurden, denkt man über sie in ihrer Funktion als Medium der Transformation für gewöhnlich nicht weiter nach. Der Künstler-Zauberer verwandelt einfach Acrylfarbe in eine Schale voller Früchte, Marmor in eine nackte Frau. Doch was geschieht, wenn Kunst aus Materialien gemacht wird, die nicht einfach transformiert werden, sondern repräsentieren, Materialien also, die ihre Herkunft und Bedeutung behalten, anstatt vorzugeben, solche nicht zu besitzen? Chris Bierl ist kein Künstler-Zauberer, sondern Material-Künstler. Er verwendet rohe Stoffe wie Teer und Milch, Wachs und Feuer. Diese werden akribisch neu eingesetzt und repräsentiert, wodurch dann ihre politischen Historien, Erzählweisen und ihr je eigenes sinnliches Vorhandensein den Galerieraum erfüllen und sich mit den persönlichen Assoziationen vermengen. In einer Galerie kann man nicht nur schauen und man kann auch anderes tun, als nur zu denken. Man kann auch riechen, vermittels des Geruchs schmecken und sich durch Berührung erinnern. Das ist eine der Weisen, auf die geheimnisvolle Kunstwerke sich erschließen, entgrenzen, klären und manchmal sogar liquide werden. Bei „Organic Matter Biosphere“, einer hintergründigen Installation über das Vorkommen von Erdöl, das ja paradoxerweise aus rohen Verfallsprodukten organischen Lebens besteht, spielt Bierl darauf in einem auf „denglisch“ verfassten Text an, der darauf hinausläuft, dass mit den Profiten aus dem Ölgeschäft Gegenwartskunst aufgekauft wird. Derlei geschieht und das hinterlässt den bitteren Geschmack von Teer in der eigenen Kehle.

— Lori Waxman, 6. Juni 2012, 15.40 Uhr

When art is made from art materials, little thought is given to them other than as the medium of transformation. The artist-magician turns acrylic paint into a bowl of fruit, marble into a nude woman. But what of art made from materials that are not so much transformed but re-presented, materials that must keep their origins and meanings rather than pretend they have none? Chris Bierl is not an artist-magician but a materials-artist, who takes the raw stuff of tar and milk, wax and fire, and meticulously resituates and represents them so that their political histories, personal associations, literary histories and sensorial existence fill the gallery. Looking is not the only thing you can do in a gallery, nor is thinking. You must also smell, taste through smelling and remember through touch. This is one of the ways that mysterious artworks are solved, dissolved, resolved, and sometimes even made solvent. In “Organic Matter Biosphere,” an enigmatic installation about the existence of crude oil, paradoxically made of some of the rawest stuff of life, Bierl alludes to this in a “Dinglish” text, that concludes with oil profits buying up contemporary art. As they do. And that leaves the bitter smell of tar caught in one’s throat.

—Lori Waxman 6/6/12 3:40 PM

Serie

Alle Kunstkritiken von Lori Waxman in der Übersicht 

Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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