60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Christa Müller

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Manche Menschen finden ein Stück Treibholz und werfen es einfach wieder ins Meer. Andere wiederum erfreuen sich seiner beeindruckenden Form, nehmen es mit nach Hause und legen es gemeinsam mit ein paar großen, glänzenden Muscheln auf ein Regal.

Christa Müllers Wertschätzung für den Ballast und das Treibgut des Lebens, weicht von diesen beiden üblichen Verhaltensweisen ab. Ihre Praxis einer kreativen Wiederverwendung, die zugleich ein wenig Joseph Cornell und auch Jan Svankmajer verpflichtet ist, reicht von Treibholz bis zu Metallanhängern und ist alles andere als gekünstelt. Geordnete Hobelspäne werden zu einem Fisch auf einem Boot. Geschnittenes und gefärbtes, schimmeliges Holz wächst wie die Frucht auf einer Kletterpflanze.

Die Titel sind suggestiv und witzig, wenn auch manchmal zu niedlich. Gestapelte Kiefernnadeln, bemaltes und gespaltenes Sperrholz, dicht zusammengepackte Stöcke und dazu arrangierte Steine werden in Form ihres früheren Lebens neu gedacht und komponiert. Das alles führt dann zu etwas, das weit davon entfernt ist, diese Fundgegenstände neu zu beleben, sondern es bringt sie allesamt in eine Form, die sich jene in ihren wildesten Träumen nicht ausgemalt hätten. Sie haben Glück, dass Christa Müller das für sie erledigt.

— Lori Waxman, 1. August 2012, 16.30 Uhr

Some people find a piece of driftwood and throw it back out to sea. Others recognize in it an appealing shape and take it home, putting it on a shelf alongside big, shiny shells.

Christa Müller has an appreciation for the flotsam and jetsam of life that differs from these two more common approaches. Her practice of creative reuse, which owes a bit to Joseph Cornell and a bit to Jan Svankmeyer, extends from driftwood to metal hangers, and it is anything but precious. File shavings become the fish in a dried pod boat; sliced and colored, mildewed wood grows like fruit on a vine.

Titles are suggestive and witty, if sometimes too cute. Stacked pine needles, painted and split plywood, clustered sticks and dabbled stones are reimagined and recomposed from their former lives, which had all but ended, into new ones, which they could not have imagined in their wildest dreams. Fortunately for them, Christa Müller could.

—Lori Waxman 8/1/12 4:30 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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