60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Christian Saehrendt

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Links unten auf einem Bild drängen sich ein König und eine Königin aneinander. Über ihnen türmen sich triefend rote Rosen hoch. Die Sonne lächelt, gleichwohl der Himmel schwarz ist. Unklar bleibt, wer das königliche Paar ist, da sie, ungeachtet der Blumen, nicht Herzkönig und Herzkönigin aus „Alice im Wunderland“ sein können. Sie sehen weder böse noch einfältig genug dafür aus. Gott sei dank – denn das ist eine schreckliche Kombination.

Anstelle dessen verfügen ihre Gesichter über Nuancen und Ausdruckskräfte, die zugleich subtiler und intensiver sind, als man es von einer solchen schematischen Wiedergabe annehmen dürfte. Die Leinwand selbst macht einen ramponierten Eindruck, so als ob man sie irgendwo gefunden und auf die Schnelle an einen Keilrahmen getackert hätte. In der Tat wurde es aber so von Christian Saehrendt gemalt. Das Bild gleicht auch ein wenig einem dunklen Gemälde Donald Baechlers oder etwas, das Francesco Clemente entworfen hätte, wäre er an der Illustration klassischer Kinderbücher interessiert gewesen.

Das bedeutet, dass Saehrendts Arbeit ohne Titel zutiefst neoexpressionistisch daherkommt, und es deshalb auch nicht überrascht herauszufinden, dass es im Jahr 1987 entstanden ist. Danach folgten weitere, ehe Saehrendt um das Jahr 2000 herum zu malen aufhörte. Wenn er weitergemacht hätte, wäre er dann der nächste Neo Rauch geworden? Um das zu schaffen, hätte er in den 90ern zumindest an die Kunsthochschule von Leipzig gehen müssen, und nicht in den 80ern an die von Hamburg.

Beiläufige, jedoch nicht notwendigerweise nebensächliche Umstände wie Geografie und Jahrzehnt bestimmen manchmal, worin der Unterschied besteht.

— Lori Waxman, 18. August 2012, 13.51 Uhr

A king and queen huddle together in the bottom left of a picture. Dripping red roses tower above them. The sun smiles though the sky is black. It isn’t clear who the royal couple might be, since despite the flowers, they can’t be the King and Queen of Hearts from “Alice’s Adventures in Wonderland.” They look neither evil nor stupid enough. Thank goodness—it’s a terrible combination.

Instead, their faces reveal hues and expressions both subtler and more intense than might be expected of such schematic rendering. The linen itself looks battered, as if it might have been found and hastily tacked to a frame, though in fact it was painted as is by Christian Saehrendt. It also looks like a dark Donald Baechler canvas, or like something Francesco Clemente might have drafted if he’d been interested in classical children’s fairy tales.

Which is to say, Saehrendt’s untitled work feels deeply neo-expressionist, so it comes as no surprise to learn that it was created in 1987. Others came after it, until Saehrendt stopped painting around 2000. If he’d continued, would he have been the next Neo Rauch? To do so would have meant, at the very least, going to art school in Leipzig in the 1990s instead of Hamburg in the 1980s.

Random though not necessarily incidental facts like geography and decade can sometimes make the difference.

—Lori Waxman 8/18/12 1:51 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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