60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Christina Stifanic 

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Schwierig ist es, sich ein neues Bild von Venedig vorzustellen. Sogar mein Vater und ich haben es zuwege gebracht, dieselben Fotografien von Vögeln auf dem Markusplatz aufzunehmen, wenngleich fünfundzwanzig Jahre zwischen den jeweiligen Aufnahmen lagen.

Genauso schwierig scheint es zu sein, sich neue Bilder von Hollywoodstars aus der Vergangenheit auszumalen, sich einen Humphrey Bogart ohne sein hübsches Gesicht vorzustellen oder James Dean ohne seiner, dem Untergang geweihten, Faszination. Diesen Widrigkeiten zum Trotz hat Cristina Stifanic Briefmarken von den Lichtgestalten Hollywoods mit alten, unspektakulären Postkartenansichten von Venedig in Zusammenhang gebracht. Die Ergebnisse fallen zum Großteil unterschiedlich aus, doch in einigen Fällen verschafft sich die alte Magie Hollywoods ihr Recht, und wir sehen uns mit etwas konfrontiert, das zum Teil Inszenierung, zum Teil erzählerische Andeutung ist.

 Eine 37-Cent Marke die John Wayne zeigt, scheint nun ein gewaltiges Filmposter an einer hohen Ziegelwand zu werden, umgeben von Villen, die langsam verfallen – Venedig wird zur Geisterstadt. Eine 42-Cent Marke von Bette Davis platziert sie ganz oben auf einer prachtvolle, nur verschleiert erkennbaren Treppe und man gewinnt den Eindruck, sie würde gleich in all ihrer Glorie von dort herab schreiten. Und dann gibt es da Audrey Hepburn, hoch oben an einer Wand eines engen Innenhofes, halb Filmplakat, halb religiöse Vision. Das ist nicht unbedingt das, was das United States Postal Service im Sinn hatte, als es diese limitierte Edition von Briefmarken auflegte.

Doch andererseits wurde auch Venedig auf Wasser gebaut. Warum soll man also Briefmarken nur auf die Rückseite von Karten kleben?

— Lori Waxman, 6. August 2012, 17.09 Uhr

It’s hard to imagine a novel picture of Venice. Even my father and I managed to take the same photograph of birds in the Plaza San Marco twenty-five years apart.

It’s equally difficult to fathom an original take on the Hollywood stars of yesteryear, to see Humphrey Bogart without his handsome grimace or James Dean without his doomed allure. Despite these odds, Cristina Stifanic has paired postage stamps of Hollywood luminaries with old postcards showing unremarkable views of Venice. The results are mostly uneven but in a few instances, that old Hollywood magic happens, part mise-en-scène, part narrative suggestion.

A 37-cent stamp of John Wayne looks like a giant movie poster on a high brick wall, surrounded by shuttered villas—Venice as ghost town. A 42-cent stamp of Bette Davis places her at the top of a grand, hazy set of stairs, about to descend in all her glory. And then there’s Audrey Hepburn, high up on the wall of a small courtyard, part movie poster, part religious vision. It certainly isn’t what the United States Postal Service had in mind when it designed these limited edition stamps. But then, Venice is a city built on water.

Why should stamps only go on the back of a postcard?

—Lori Waxman 8/6/12 5:09

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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