60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Christine Müller

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Ein quadratisches Blatt mit einer Tintenzeichnung von Christine Müller, verschmiert mit bernsteinfarbener und azurblauer Ölkreide, trägt den Titel „It is chicken, it is eggs“.

In diese Richtung hätte ich wohl nicht gedacht, hätte ich das Bild ohne irgendwelche Hinweise betrachtet. Huhn und Ei gehören zur Ordnung des Seienden, doch auf einer anderen Ebene geht es dabei um Mütter und Kinder; und da die Form ganz oben in Müllers Zeichnung entfernt an eine Rutsche auf einem Spielplatz erinnert, nehme ich an, dass man von dieser Stelle aus dem Titel folgen könnte.

Doch zuweilen kann man einen Titel auch verschweigen, um dem Betrachter mehr Freiraum zu geben. Das ist ein Risiko, welches man eingehen sollte. Die mögliche Rutsche könnte dann eine Figur sein, den Blick gesenkt, ein langer gestreifter Schal hinterher gezogen. Hat man nun erst einmal eine Figur gefunden, dann beginnen immer mehr aufzutauchen. Die größte davon dehnt sich und springt hervor, Arme werden hochgeworfen, Körper in wässrigem Grau skizziert. Eine andere wiederum streckt ihre Arme hoch und hervor, hebt ein Bein und scheint sich zu drehen. Die farbigste lehnt an ihrer Achse und dreht sich.

Das ist selbstverständlich alles Fiktion, doch als eine solche legt sie einen Tanz auf dem Papier nahe und dadurch vielleicht auch eine ganz einzigartige Form der Choreografie. Man nehme eine verlockende doch vage Zeichnung, man interpretiere mit dem Körper ... und genieße!

— Lori Waxman, 18. Juli 2012, 15.53 Uhr

A square ink drawing by Christine Müller, daubed with amber and azure oil pastel, bears the title “It is chicken, it is eggs.”

This is not a direction my own thinking would have gone, were I to have looked at the picture free of its influence. Chicken and eggs are about the order of existence, but on some level they are also about mothers and children, and since the shape at the top of Müller’s drawing vaguely resembles a playground slide, I suppose that’s one place to follow the title.

But titles can also be ignored at the viewer’s discretion, and sometimes that’s a risk worth taking. The maybe-slide could also be a figure, its eyes downcast, its long striped scarf dragging behind. Having found one figure, more begin to emerge. The largest stretches and leaps, arms flung out, body sketched in watery grey. Another raises arms up and out, lifts a leg, and seems about to spin. The most colorful one leans and pivots.

This is all a fiction, of course, but as a fiction it suggests a dance on paper, and in that perhaps a unique mode of choreography. Find compelling but vague drawing, interpret with body, enjoy.

— Lori Waxman 7/18/12 3:53 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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