60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Claudia Arndt

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Vorwiegend wird die Collage als eine moderne künstlerische Methode betrachtet, doch der Modernismus selbst wiederum wird zumeist als männliche Ausdrucksform beschrieben. Doch auf die Collage trifft das keineswegs zu und dies wird sehr gut am Werk und an der Person von Claudia Arndt spürbar und ersichtlich. Selbst bunt gekleidet, behängt mit zusammengenähten Taschen, anscheinend handgemacht aus lieb gewonnenen Resten von diesem und jenem, gekleidet in wie das Fell des Leoparden gefleckte und türkisfarbene Filzüberwürfe, so ist auch ihre Arbeit auf gleiche Weise zusammengesetzt, aber entschieden monochrom gehalten. Doch auch hier ist alles liebevoll in Zusammenhang gebracht, vielleicht sogar auf noch zartere Weise. „Remember Grandmother’s Armchair“ ist eine Installation, die sich seit 1999 immer weiterentwickelt und die Inspirationsquelle dazu ist Arndts Großmutter, die sie in Handwerkskünsten wie dem Nähen, Absteppen und Sticken unterwiesen hat, die nun für einen neuen Zweck genutzt – oder vielmehr umfunktioniert – werden. Sie verfertigt Serien von weichen, zweidimensionalen Textilien, die flüchtige Bilder der Vergangenheit mit einem netten nichtsdestotrotz gewitzten Augenzwinkern auf die Gegenwart verweben. Ein gesticktes Portrait ihrer Vorfahrin, die darauf so glamourös erscheint, wie es sich für Frauen aus den 20er und 30er Jahren gehört, lädt zu näherer Betrachtung ein: Lose, verdrehte Fäden wölben sich über der einen Augenbraue, wohingegen straff gespannte eine elegante Linie von der anderen Braue nach unten zur Nase der Dame ziehen. Im Grunde genommen jedoch funktioniert dies als ein größeres und stärkeres Ganzes, das dazu in der Lage ist, sich kontinuierlich zu erweitern und wieder zusammenzuziehen … und das mit hoher Geschmeidigkeit. Das ist eine Collage; und Feminismus ist es auch.

— Lori Waxman, 6. Juni 2012, 14.25 Uhr

Collage is widely considered a modernist practice, but modernism has so often defined itself as a masculine mode. Collage, however, is not, and this can be felt and seen in the work and person of Claudia Arndt. Polychrome in person, with patterned bags that seem handcrafted from beloved scraps of this and that, clothed in leopard and turquoise felt wraps, her work is equally pieced together but decidedly monochrome. But it is as lovingly united, even more delicately so. “Remember Grandmother’s Armchair,” an installation in progress since 1999, takes its inspiration from Arndt’s grandmother, who taught her the women’s crafts of sewing and quilting that she has repurposed—or, rather, de-purposed—to make a series of soft, two-dimensional textiles that weave fleeting images of the past into kind yet smart winks at the present. A stitched portrait of her elder, appearing as glamorous as women did in the 1920s and 30s, bears close looking: loose, loopy threads arch one eyebrow, while tight ones trace an elegant line from the other and down the lady’s nose. Ultimately, though, it must function as part of a larger, stronger whole, able to continuously expand and contract, and to do so with great suppleness. That is collage. And it is feminism, too.

—Lori Waxman 6/6/12 2:25 PM

 

ArtNetLab sind: Narvika Bovcon, Eva Lucija Kozak, Gorazd Krnc, Dominik Mahnic, Vanja Mervic, Ales Vaupotic)

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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