60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Claudia Pöhl

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Claudia Pöhl malt Bilder, die voll von mildem Surrealismus sind. Das ist zugleich Absicht und auch wiederum nicht.

Auf einem Bild etwa hocken zwei Frauen vor einem gewaltigen Rahmen und putzen sorgsam das Sonnensystem, das innerhalb seiner vergoldeten Kanten eingeschlossen ist. Hier findet sich eine Lust am Spiel mit dem Bild im Bild, auf zweifache, ja vielleicht dreifache Weise, die darauf hinausläuft, dass dies gar kein Bild ist, wenngleich auch nichts anderes. Und dann steckt hier auch feministischer Witz, wenn wir es mit zwei Frauen zu tun haben die putzen, immer den anderen hinterher putzen, doch hier putzen sie eben etwas, das so groß wie die Planeten ist! Zwei andere Gemälde legen einen etwas eigentümlicheren Surrealismus an den Tag, das eine im historischen Sinne, das andere im standortspezifischen.

Ein Bild, das große farbige Steine an einem Strand zeigt, erinnert an ein bereits existierendes Kunstwerk des Konzeptualisten Tony Tasset aus Chicago, der in den letzten Jahren echte Steine mit Emaillack in allen Farben des Regenbogens bemalt hat. Die Abbildung einer fröhlichen blauen Holzhütte an einem Strand erinnert an die fröhliche blaue Holzhütte, in der diese Rezession hier geschrieben wird.

Keine dieser sehr realen Übereinstimmungen kann von der Künstlerin auf irgendeine Weise geplant sein, doch der Surrrealismus, so wie ihn die Surrealisten damals im Jahr 1924 entwickelt – oder zumindest benannt – hatten, verstand sich als unerwartetes Zusammentreffen mit dem Wunderbaren inmitten der Alltagsrealität. Das reicht aus, um seiner Anziehungskraft gegenüber offen zu sein.

— Lori Waxman, 12. September 2012, 16.38 Uhr

Claudia Pöhl is a painter of images that abound in mild surrealism, both intentionally and not.

In one composition, two women perch in front of an immense frame, carefully cleaning the solar system suspended within its gilded edges. There’s some delight here in the double, maybe triple, play of a picture within a picture, which turns out to not be a picture at all, though of course it is also that too. And in the feminist witticism of women cleaning, always cleaning up after everyone, but at least cleaning something as grand as the planets! Two other canvases offer an odder kind of surrealism, one art historical, the other site-specific.

A painting of large, colorful stones on a beach imagines an artwork that already exists, by the Chicago conceptualist Tony Tasset, who has been painting real rocks in rainbow enamel for the past few years. An illustration of a bright blue wooden beach shack echoes the bright blue wooden hut in which this review is being written.

Neither of these very real coincidences could possibly have been planned by the artist, but surrealism, as the Surrealists invented it—or at least named it—back in 1924, was meant to be an unexpected encounter with the marvelous in the middle of quotidian reality. It suffices to be open to its magnetism.

—Lori Waxman 9/12/12 4:38 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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