60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Deborah Adams Doering

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Die Zusammensetzung der Welt wurde mit den Begriffen Erde, Feuer, Luft und Wasser beschrieben. Durch die Elemente der Periodentafel. Und seit Kurzem durch die Nullen und Einsen der Computerprogrammierung.

Da die meisten von uns keine Programmierer sind, mag es uns so vorkommen, dass diese zuletzt genannte Option etwas Strenges und Mechanisches besitzt, ganz zu schweigen vom Undurchlässigen, bedenkt man, in welchem Maß wir heute von digitalem Zeug umgeben sind. Für Deborah Adams Doering, die Einsen und Nullen als neue veränderbare Zeichen betrachtet, die beide dasselbe sind, ist das anders.

Die Null wird zu einer Eins, wenn sie bewegt und zur Seite gedreht wird, und dabei hinterlässt sie eine Spur.

Doering schreibt ihr System mit Farbe auf Papier ein, mit Farbe auf Fotografien, auf denen ihre Freunde zu sehen sind, durch Gekritzel auf gedruckte Pamphlete, auf Fotografien von Menschen, die vor modernistischen Kunstwerken stehen. Oftmals scannt sie diese Vorlagen ein, bearbeitet sie digital, druckt sie aus und bearbeitet sie dann händisch weiter. Das ist eine Methode, die sich auf bequeme Weise zwischen dem Handgemachten und dem Mechanisch-Digitalen bewegt.

Dadurch wird Letzteres vermenschlicht, was ja auch für ihr Zeichensystem gilt. Nur auf dem Wege der Personifizierung kann eine runde Null aufstehen, sich langsam zur Seite drehen und dabei anschaulich machen, dass sie in Wahrheit eine groß gewachsene, magere Eins ist.

— Lori Waxman, 22. August 2012, 17.37 Uhr

 

The composition of the world has been understood in terms of earth, fire, air and water; the periodical elements; and, most recently, the zeros and ones of computer programming.

To most of us who are not programmers, this last option can seem strict and mechanical, not to mention opaque in the way of so much digital stuff. But not to Deborah Adams Doering, who reimagines zeros and ones as mutable signs that are one and the same, the zero becoming a one as it moves and turns to the side, leaving a trace in between.

Doering inscribes her system in paint on paper, in paint on photographs of friends, in doodles on pre-printed pamphlets, on photographs of people standing in front of Modernist artworks. Oftentimes she scans these documents, reworks them digitally, prints them, and then reworks them further by hand.

It’s a method that moves comfortably between the handmade and the mechanical-digital, humanizing the latter much the way her sign system does. Only through personification can a round zero stand up and slowly turn to the side, revealing that it is indeed a tall, skinny one.

—Lori Waxman 8/22/12 5:37 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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