60 Worte/Min. Kunstkritik - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Dietmar Hensch

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Malt ein Künstler eine Landschaft so stellt sich die Frage, wer bei diesem Vorgang der wahre Künstler ist – die Natur, die die Blumen und Felder geschaffen hat, die Berge und die Himmel? Oder ist es der Maler, der etwas

 von der Essenz dieser Gegend in einem anderen Medium einfängt? Als dritter in einer Generationenkette von Landschaftskünstlern, hat Dietmar Hensch eine radikale und unmittelbare Praxis entwickelt, wobei die Natur den Platz des Künstlers einnimmt, sowohl was die natürliche Umgebung angeht wie auch deren Repräsentation.

Ein Blatt Papier wird mit Wasserfarben bedeckt und dann draußen im Regen gelassen – daraus entsteht ein Bild eines nassen Tages in der freien Natur, wobei dies zugleich auch die buchstäblichen Reste und Auswirkungen dessen sind, was von einem solchen Tag bleibt. Und dergestalt malt auch der Frost den Frost und die Sonne die Sonne. Doch man darf die Natur nicht als den einzigen Autor dieser Arbeiten begreifen, die allesamt zeitgebunden, am Prozess orientiert und so einzigartig wie sie selbst sind.

Die Hälfte der Anerkennung gebührt ihrem geduldigen Mitarbeiter und seinen auf paradoxe Weise zugleich zurückhaltenden und konzeptionell kühnen Methoden. Und dieser Mitarbeiter ist selbstverständlich kein anderer als Hensch persönlich.

— Lori Waxman, 23. Juli 2012, 13.56 Uhr

When an artist paints a landscape, who is the real artist—nature, who created the flowers and fields, the mountains and sky?

Or is it the painter, who captures something of the countryside’s essence in a different medium? The third in a generation of landscape artists, Dietmar Hensch has evolved a radically direct practice that positions nature as the artist, both of the environment and of its representation.

A sheet of paper covered in watercolor and left out in the rain becomes a picture of a wet day in the countryside, and also the literal remains and effects of such a day. In this way, frost paints frost and sun paints sun. But nature cannot be considered the sole author of these works, each of which is as time-based, process-oriented and unique as is she herself.

Half the credit at least must go to her patient collaborator, and to his paradoxically self-effacing and conceptually bold methods. That, of course, is none other than Hensch himself.

—Lori Waxman 7/23/12 1:56 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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