60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Doris Gutermuth

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stellten die Gebrüder Grimm ihre einflussreiche Sammlung von Märchen zusammen. Seit dieser Zeit wurden sie immer wieder neu aufgelegt, in scheußliche und schöne Fassungen gebracht, in jeder erdenklichen Form illustriert, animiert und verfilmt. Gibt es also noch etwas, das man mit diesen Geschichten über Tugend, Frohsinn und schweren Verstümmelungen noch anstellen kann? Ja, das gibt es. Doris Gutermuth hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, piktografische Serien herzustellen, die jede einzelne Geschichte von „Frau Holle“ bis zu den „Bremer Stadtmusikanten“ nacherzählen.

Die Bilder gleichen weniger traditionellen Kinderbuchillustrationen, sondern vielmehr Verkehrsschildern. Einfache Figuren erscheinen in Dreieckformen, diese sind umgeben von ultramarinblauem Grund und entwickeln sich munteren Schritts entlang des Erzählstrangs. Jede Szene findet an einer Straße statt, denn die Bewegung ist hier für den Verlauf der Erzählung zentral.

Gutermuths Fähigkeit, eine Geschichte in ihren kraftvollsten Momenten zu verdichten ist erstaunlich und ihr grafischer Erfindungsreichtum aufregend. Man mag denken, man kenne diese Geschichten doch schon, und tatsächlich ist es so, dass man sie kennen sollte, will man ihnen entlang der Piktogramme folgen; doch das ist nur das halbe Vergnügen. Die besten Geschichten lassen sich immer wieder aufs Neue erzählen und weitererzählen – und das sollte man auch tun.

—Lori Waxman, 20. Juni 2012, 14.39 Uhr

In the early 1800s, the Brothers Grimm compiled their groundbreaking anthology of fairy tales. It has since been published and republished, written out in nasty and nice versions, illustrated in every style of picture book, animated and filmed. Is there anything left to do with these stories of morality, mirth and mayhem?

Indeed there is. Doris Gutermuth has made it her life’s work to create pictographic series that tell each of the 211 narratives, from “Frau Holle” to “The Bremen Town Musicians.” The pictures look less like traditional children’s book illustrations than road signs; simple figures appear in triangles, surrounded by ultramarine blue, and move through their storylines at a brisk pace. Every scene takes place on a roadway, because mobility is central to narrative progress here.

Gutermuth’s ability to distill a story into its most potent moments surprises, and her graphic inventiveness thrills. You might think you know these tales already, and in fact you do need to know them in order to follow along with the pictograms, but that’s half the pleasure. The best stories can be told and retold endlessly, and should.

—Lori Waxman 6/20/12 2:39 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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