60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Eberhard Heinemann

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Hätte Georges Seurat statt in Paris in Kassel gelebt, hätte er dann den Pointillismus erfunden?

Mehr als hundert Jahre nach dem dieser Maler als erster Punkt neben Punkt neben Punkt auf die Leinwand setzte, hat Eberhard Heinemann, ein achtzigjähriger Kassler, die Geschichte in die eigenen Hände genommen. Im Laufe der letzten zwei Jahre hat er diffizile Bilder von lokalen Wahrzeichen mit einer Palette und in einem Stil geschaffen, die dem französischen Maler zutiefst verpflichtet sind.

Das Ergebnis ist charmant und überraschend. Lavenderfarbene Dachfirste und minzgrünes Blätterwerk bringen duftendes Pariser Leben in eine graue Industriestadt und hält damit, was die sonnig gelbe Fassade der Orangerie verspricht. (Haben die Bomben mit Ausnahme dieses Barockgebäudes, das selbst wieder neu aufgebaut werden musste, in Kassel alle Farbe ausgelöscht?) Pointillistische Bilder haben es an sich, dass die Betrachter jeden winzigen Fleck Farbe auf der Leinwand näher in Augenschein nehmen.

Bei Heinemanns Malerei lohnt eine solche Aufmerksamkeit und sie wird sogar noch in höherem Maße belohnt, da er sich noch enger als Seurat selbst an dessen Technik hält. Der Neoimpressionist, der 1891 in jungen Jahren starb, bemalte jeden Quadratzentimeter der Leinwände, inklusive aller weißen Ränder. Anschließend rahmte er sie in bemaltes Holz, so als ob selbst noch die Kanten der Leinwand diese Punkte nicht aufhalten sollten. Sie sind ausgeflogen und haben einen weiten Weg zurückgelegt – in diesem Fall den ganzen Weg bis ins Herz von Deutschland.

— Lori Waxman, 30. Juni 2012, 14.58 Uhr

If Georges Seurat had lived in Kassel instead of Paris, would he have invented Pointillism?

More than 100 years after the painter first put dot after dot after dot on canvas, Eberhard Heinemann, an octogenarian Kasselite, has taken history into his own hands. For the past two years he has painted meticulous pictures of local landmarks with a palette and style heavily indebted to the French painter.

The effect is charming and surprising. Lavender rooftops and mint green foliage inject a perfumy Parisian liveliness to a grey, industrial city, making good on the promise of the Orangerie’s sunny yellow façade. (Did the bombs wipe out all the color in Kassel except for this one Baroque building, which in any case was rebuilt?) Pointillist pictures, by nature, compel the viewer to look closely at every tiny speck on the canvas.

Heinemann’s paintings merit such attention but could reward it even more, by hewing still closer to Seurat’s own technique. The Neo-Impressionist, who died young in 1891, marked every square inch of the canvas, including the white spaces and beyond. Then he framed them with painted wood, as if even the edge of the canvas couldn’t contain those dots. They spread far and wide—now all the way to central Germany.

- Lori Waxman 6/30/12 2:58 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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