60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Edeltraud Merker

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Warum malen? Fotografien eigenen sich viel besser dazu, Menschen und Orte abzubilden, und mit Worten erzählt man die anschaulichsten Geschichten. Doch die Kompositionen von Edeltraud Merker legen ganz andere Ziele nahe, solche, die mit diesen Medien nicht zu leisten sind. Ein schlichtes Bild, das vor etwa dreißig Jahren fertig gestellt und mit Wasserfarben gemalt wurde, zeigt das erste Paar Schuhe, das ihre Tochter als Baby damals trug. Eine Fotografie hätte jedes Detail eingefangen, ein Bronzeguss würde einen besseren Eindruck von Größe und Dimension vermitteln, doch Merkers Gemälde lässt liebevolle Fürsorge erkennen, wenn sie sich mit ihrem Pinsel jedem kleinen Schmutzfleck auf dem roten, blauen und weißen Leder der oft getragenen Schuhe ihres Kindes widmet. In jüngerer Vergangenheit hat Merker begonnen, große stimmungsvolle Leinwände zu schaffen. Eine Szene der Architektur soll Totenstille vermitteln, schafft dies aber nicht, da die Farben zu grell gewählt und zu dünn und flüchtig aufgebracht wurden. Ein anderes Bild jedoch, das als Motiv das kühle Lärmen eines Wasserfalls hat, verdient Beachtung, da es die sich wiederholende, vertikale und fließende Anwendung von Ölfarbe gelungen umsetzt. Das weist auf einen meditativen Prozess hin, auf das stumme Spiel eines Gefühls des Sich-Selbst-Verlierens im ruhigen Rauschen einer Wasserkaskade.

— Lori Waxman, 12. September 2012, 17.42 Uhr

Why paint? Photographs are far better at depicting specific people and places, words tell the clearest stories. But the compositions of Edeltraud Merker suggest other aims entirely, ones incompatible with these mediums. A modest watercolor completed over thirty years ago illustrates the first pair of shoes worn by the artist’s baby daughter. A photograph would have caught every detail; a bronze cast would have given a better sense of scale and dimensions; but Merker’s painting reveals tender care, as she attends with her brush to each and every smudge covering the red, blue and white leather of her child’s well-worn shoes. More recently, Merker has taken to painting large, moody canvases. An architectural scene meant to represent stillness can’t, on account of colors that are too harsh and too thinly and hurriedly applied. But another, which portrays the cool noisiness of a waterfall well enough, deserves note for its repetitious, vertical, flowing application of oil paint. This indicates a meditative process, miming the feeling of losing oneself in the calm rushing of a cascade.

—Lori Waxman 9/12/12 5:42 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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