60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: E.L. Schumann

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Ein Straßenarbeiter reinigt eine alte Straßenlampe, nimmt jede Glasscheibe einzeln heraus und entfernt sorgfältig den Schmutz. Die Fenster einer Kirche erscheinen von der Innenseite her hell leuchtend, die Kapelle dunkel, die Gärten draußen sind ein Schleier aus Grün, der das schmucklose, der Länge nach unterteilte, Glas so glänzend tönt, als sei es Buntglas. Die Ansicht eines Zuges, den man durch altes Glas einer Eisenbahnstation betrachtet, verschwimmt und erscheint gesprenkelt von Pfützen aus Rot, Weiß, Grün, Blau und Braun. Diese fotografischen Serien von E. L. Schumann teilen das Interesse an vermittelter Sicht, vermittelt besonders durch Glas. Doch erkennt man das und sieht nichts anderes, dann würde man den Fehler begehen, Schumanns Werk nur eindimensional zu betrachten. Man würde ihre Fähigkeit außer Acht lassen, Dinge zu finden, an denen die meisten von uns einfach vorbeigehen, Dinge, die an sich nichts besonderes sind, doch nichtsdestotrotz wert, beachtet und neugierig bestaunt zu werden. Es wäre so, als ob man den Straßenarbeiter ignorieren würde oder es einem entginge, wie alte Fenster von dem gefärbt werden, was hinter ihnen liegt.

— Lori Waxman, 8. August 2012, 15.17 Uhr

A city worker cleans an old street lamp, removing each pane of glass, brushing the dirt away with care. The windows of a church seen from the inside appear bright, the chapel dark, the gardens outside a haze of green that tint plain mullioned glass as brilliantly as stained glass. The view of a train seen through old glass at the railway station blurs and mottles into puddles of red, white, green, blue and brown. These photographic series by E. L. Schumann have in common an interest in mediated vision, mediated specifically by glass. But to see this and only this would be to make the mistake of looking single-mindedly at Schumann’s work, missing her ability to find the things that most of us simply walk right past, things that are not extraordinary but nevertheless worthy of contemplation and curiosity. It would be like ignoring the worker on the street, or failing to notice the way old windows are colored by what’s behind them.

—Lori Waxman 8/8/12 3:17 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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