60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Else Blaufuß

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Ist es ungezogen bei Tisch zu lesen? Meine Großmutter hat immer die Ansicht vertreten, dass dem so sei, und deshalb gab es während des Abendessens keine Comicalben, ebenso wenig wie Romane oder Zeitungen.

Hätten meine Brüder und ich nur von Else Blaufuß’ Geschirr und Teeservicen gewusst, dann hätten wir ihr eins mitgebracht. Blaufuß, die über zwanzig Jahre ihres Lebens Stenografie unterrichtet hat, transkribiert seit 1990 vollständige Werke der deutschen Literatur auf feines Porzellan, wobei sie die kleinste Kurzschrift und feinste Goldtinktur benutzt.

Der Text passt sich dem Gegenstand auf witzige Weise an – Wilhelm Buschs Geschichten von Max und Moritz fiesen Streichen könnten nicht eleganter aussehen, als sie es auf einem achteckigen Teller tun; Eugen Roths Gedicht über ein missglücktes Treffen zum Tee findet sich an einem Behälter für Süßstoff; auf ein Paar Ohrringen hat eine ganze Mozartarie Platz.

Ähnlich der Taktiken der Konzeptkünstler aus den 60er Jahre bietet Blaufuß den Sammlern ein Zertifikat, auf dem sich das jeweilige Gedicht oder die Geschichte in gewöhnlicher Langfschrift ausgeführt ist. Das ist selbst für diejenigen hilfreich, die Kurzschrift lesen können, da sich Blaufuß bei ihren Mustern „dekorative Freiheiten“ herausnimmt.

Was kann man sonst noch anstellen mit Fähigkeiten wie den ihren, im Zeitalter der digitalen Aufnahmegeräte, Spracherkennungsprogrammen für Computer und anderen Diktiergeräten? Wie schon so unterschiedliche Künstler wie André Breton, Mierle Laderman Ukeles und Rirkrit Tiravanija wussten: Wenn etwas aufhört nützlich zu sein oder aus der Mode kommt, dann wird es schließlich für die Produktion in den schönen Künsten verfügbar.

— Lori Waxman, 4. Juli 2012, 13.57 Uhr

Is it rude to read at the table? My grandmother always insisted this was so, and comic books were banished during dinner, along with novels and newspapers.

If only my brothers and I had known about Else Blaufuss’s dishware and tea services, we’d have been able to pull one over on her. Blaufuss, who taught stenography for over twenty years, has since 1990 been transcribing complete works of German literature onto fine porcelain, using the shortest of shorthand and the finest of liquid gold.

Text is matched to site with great wit—Wilhelm Busch’s tales of Max & Moritz’s nasty pranks could not look more elegant on an octagonal plate; Eugen Roth’s poem about a ruined tea date appears on a sugar substitute dispenser; a pair of earrings contains an entire Mozart aria. Echoing the tactic of 1960s conceptual artists, Blaufuss offers collectors a certificate with the poem or story written out in longhand; this is necessary even for those who can read shorthand, since Blaufuss takes what might be called “decorative liberties” with her patterning. What else to do with a skill like hers in an age of digital recording devices, computer voice-recognition software and other dictation technology? As artists as diverse as André Breton, Mierle Laderman Ukeles and Rirkrit Tiravanija have long known, when something stops being useful or falls out of fashion, it finally becomes available for the production of fine art.

— Lori Waxman 7/4/12 1:57 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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