60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Kim Engelen

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Kim Engelen ist so etwas wie ein Connaisseur von Brücken, vielleicht sogar eine Brückenphilosophin. Schon seit einigen Jahren nun sammelt sie Fotografien von sich selbst, die zufällig vorbeikommende Passanten von ihr machen, und auf denen sie vor Brückenkonstruktionen auf der ganzen Welt zu sehen ist.

Das reicht von der Tower Bridge in London über die Golden Gate Bridge in San Francisco bis hin zur Brücke des Roten Forts in Agra. Diese Fotos wurden zu einem panoramischen Künstlerbuch zusammengefügt und mit umfangreichem Textmaterial versehen, das Engelen wöchentlich in Form eines Blogs verfasst. Ihr Schreiben setzt sich immer wieder aufs Neue mit dem Prozess der Kunstproduktion auseinander, mit Brücken als physikalischen Bauwerken, die man fürs Überqueren nutzen kann, von denen man springen und unter denen man leben kann, mit Brücken als symbolischen Bauwerken für Übergang und Kommunikation und ausführlich auch mit den Themen Migration und Tourismus. Wie nun die Fotografien selbst in dem Ganzen zu situieren sind, scheint eine gefinkelte Angelegenheit zu sein, denn auch Engelen selbst scheint hier zu zweifeln, stellt sie doch regelmäßig die Frage nach den formalen und prozessualen Aspekten ihrer Bilder, umso mehr dann, wenn sie zwei Drittel ihres Buches textuellen Grübeleien widmet, anstatt den fotografischen Lösungen.

Schließlich handelt „Bridges“ ebenso von der Fotografie wie von Brücken – und davon, wie die Fotografie selbst daran scheitern kann, Brücke zu sein.

— Lori Waxman, 12. September 2012, 14.00 Uhr

Kim Engelen is something of a bridge connoisseur, or maybe a bridge philosopher. For a few years now, she has been collecting photographs of herself, taken by passersby, on bridge structures around the world, from the Tower Bridge in London to the Golden Gate Bridge in San Francisco to the Red Fort Bridge in Agra.

These have been printed in a panoramic artist’s book together with a copious amount of text that Engelen generated weekly in the form of a blog. The writing ruminates on the process of making art; on bridges as physical structures for crossing over and jumping off and living under; on bridges as symbolic structures for transition and communication; and more broadly on issues of migration and tourism. Where the photographs of bridges themselves fit in proves the tricky thing, and Engelen seems to suspect this, as she continues to question the formal and procedural aspects of her pictures, and even more so, as she devotes some two-thirds of her book to textual musing instead of photographic resolution.

Ultimately, “Bridges” is as much about photography as it is about bridges—and how photography itself can fail to act as a bridge.

—Lori Waxman 9/12/12 2:00 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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