60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Erika Janho

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Auf einer Tuschskizze von Erika Janho sieht man eine hingestreckte Frau. Sie füllt das Bild mit ihrem Körper, der von ihrem Kopf bis hinunter zu ihren Hüften sichtbar wird. Sie ist nackt, ein Arm erhoben, doch es handelt sich hier nicht um eine klassische, figurale Studie. Man könnte es eher eine freie anatomische Zeichnung nennen, ein Bild vom Inneren des Körpers, ganz ohne Ambitionen für medizinische Akkuratheit. Hier sind die Lungen und vielleicht eine Leber, Muskeln und Sehnen und ein Rückgrat. Doch das Fleisch ist auch mit Borten besetzt, ein Auge ist mit Netzwerk versehen, ein riesiger Arm fransig mit Zebrastreifen. Kein Teil ihres Torsos oder Gesichts bleibt verborgen im Zuge dieser grausamen und genauen Examinierung, kein Zentimeter der Haut bleibt unberührt. Doch der Bauchnabel und die Brustwarzen überleben und der Schritt bleibt soweit intakt, um einem gekräuselten G-String-Tanga Platz einzuräumen. Ob sich dieser aus Kettengliedern oder aber aus Schamhaaren zusammensetzt, bleibt ungewiss.

Diese Tatsache und eine „For Ever“ Tätowierung am Bizeps legen nahe, dass es sich bei Janhos Motiv nicht um eine Leiche handelt, die auf einem Seziertisch liegt, sondern um eine illustrierte Frau, die viele Geschichten zu erzählen hat. Das Muster, das sich an ihrer rechten Seite entlang zieht unterstreicht dies noch.

Betrachtet man es genau, sehr genau, dann werden hier Buchstaben sichtbar, die sich zu Wörtern ordnen: La femme flambée, Die Fatatal, Die flambierte Frau, Blue Velvet. So viele Informationen, die umfangreich in den Körper eingeschrieben sind, doch immer noch so wenig verstanden.

— Lori Waxman, 18. August 2012, 14.36 Uhr

A woman lies prone in an ink sketch by Erika Janho, filling up the space of the picture plane with her body as it extends from her head to her hips. She is nude, with one arm raised, but this is no classical figural study. It is rather what might be called a free-hand anatomical drawing, a picture of the body’s insides that proceeds with no pretentions toward medical correctness. Here there are lungs and maybe a liver, muscle sinews and a spinal column. But flesh is also braided and an eyeball webbed, an enormous arm frayed with zebra stripes. No part of her torso or face remains unseen by the cruelly thorough examination, no centimeter of skin left untouched. But her belly and arm and nipples survive, and her crotch is intact enough to sport a whorled G-string, made of chain mail or public hair, it’s unclear.

This plus a “For Ever” bicep tattoo suggest that Janho’s subject might not be a corpse on the dissection table after all but an illustrated woman with many stories to tell. The pattern that runs along her right side suggests as much too.

Read it closely, very closely, and it begins to reveal itself as words: La femme flambée, Die Fatatal, Die Flambiertefrau, Blue Velvet. So much information written large on the body, yet so little understood.

—Lori Waxman 8/18/12 2:36 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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