60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Frank Rossbach

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Eine alte Fotografie eines leeren Esstellers mit Blumenmuster liegt, gemeinsam mit Messer und Gabel, zerschlagen zu Stücken auf einem Linoleumboden. Das wurde ein weiteres Mal fotografiert und wie ein einfaches Puzzle wieder zusammengesetzt.

Eine rote Rose, ein Silberring, eine Stoppuhr und die Fotografie einer Frau im Badeanzug sind in einen Eisblock eingefroren und werden langsam von einem Mann mit Feuerzeug geschmolzen. Frank Rossbach präsentiert diese beiden Bilder als zeitgenössische Allegorien – die eine politisch, die andere persönlich.

Die erste trägt den Titel „Nu is putt“, deutsche Kindersprache also, und steht als Zeichen für die immer fortwährenden Katastrophen, welche die Nahrungsmittelsituation der Welt anlangen – das heißt, es geht um die den Welthunger, eine Situation also, wo es genug Nahrungsmittel gibt, um alle Menschen dieser Welt mit diesen zu versorgen, sie jedoch so verteilt sind, dass das für Millionen den Tod bedeutet. Das zweite Bild trägt den Titel „Vergangenheitsbewältigung“, ein therapeutischer Begriff, der sich auf die Durcharbeitung der Vergangenheit bezieht, in diesem Fall eine Liebesbeziehung, die bitter endete.

Allegorien glücken dort, wo es den Betrachtern gelingt, ihre Bedeutung zu enträtseln und deshalb müssen sie den schmalen Grat beschreiten, der Offensichtlichkeit von Subtilität trennt. In den vergangenen Jahrhunderten konnten Künstler und Schriftsteller auf ein gemeinsames religiöses, mythologisches oder kulturelles Wissen vertrauen.

In Rossbachs Kompositionen finden sich globale Katastrophen und die Psychoanalyse, die sich fort- und umsetzen. Und das ist leider nicht weit vom wahren Zustand entfernt.

— Lori Waxman, 7. Juli 2012, 15.14 Uhr

An old photograph of an empty floral-patterned dinner plate, arranged with fork and knife, lies torn in pieces on a linoleum floor and is rephotographed, its pieces put back together again like a simple puzzle.

A red rose, a silver ring, a stopwatch and a photograph of a woman in a bathing suit stand frozen in a block of ice, slowly being melted by a man who holds a lighter. Frank Rossbach presents these two images as contemporary allegories, one political, one personal. T

he first, titled “Nu is putt,” which means “Now it’s broken” in childish German, stands as a sign for the continuing disaster that is the world food situation, which is to say the world hunger situation, which is to say the situation in which there is in fact enough food to feed the world’s citizens, except that it is so poorly distributed as to prove fatal to millions. The second image is titled “Vergangenheitsbewältigung,” a term for therapeutically working through the past, in this case a romantic relationship gone sour.

Allegories succeed to the extent that viewers can puzzle out their meanings, and so they must tread a fine line between obviousness and subtlety.

In past centuries, artists and writers could depend on common religious, mythological or cultural knowledge. In Rossbach’s compositions we have global disaster and psychoanalysis to go on, and that’s not, alas, so far from the truth.

— Lori Waxman 7/7/12 3:14 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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