60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Frauke Alina Becker

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Frauke Alina Becker studiert Mode. Bedenkt man all den Glanz, die Grellheit und die Geschäftigkeit dieser Welt, dann ist es eine willkommene Überraschung, wenn man Beckers Skizzenbuch aufschlägt. Dort findet sich eine sensible Erkundung des Körpers als verletzlicher, schöner und dunkler Aufzeichnungsfläche von Beschädigung, Metamorphose, Projektion und stetig wechselnder Identität. Es verwundert deshalb auch nicht, dass es hier zahlreiche künstlerische Anspielungen gibt, die von Hieronymus Bosch über Hans Bellmer bis hin zu Matthew Barney reichen. (Alle Namen beginnen mit dem Buchstaben B, so wie Beckers eigener!) Eine Herzprothese aus Plastikröhren erinnert an ein Nest aus Dornen, das eine Seele schützt, die sich in selbiges schmiegt. Ein gigantisches Nilpferdkostüm aus gewaltigen Papierbäuschen liefert ein Kleid, in dem man sich verstecken und Unterschlupf finden kann. Ein Gemälde, das den Weltraum erkundet, platziert ein blindes Selbstportrait der Künstlerin in ein Ei, das sie vor der Not leidenden Welt außerhalb seiner Schale schützen soll. Zumeist versteht man unter Mode etwas, das dazu dient, sich selbst gegenüber anderen zu präsentieren, doch Becker schlägt etwas anderes vor, das zugleich fundamentaler und imaginativer ist: Mode vermag Zufluchtsort zu sein und dem Surrealen gehorchen.

— Lori Waxman, 10. September 2012, 16.07 Uhr

Frauke Alina Becker is a fashion design student. Given the bling and flash and trending of that world, it comes as a welcome surprise to explore Becker’s sketchbook, which reveals sensitive exploration of the body as a vulnerable, beautiful and dark site of damage, metamorphosis, projection and shifting identity. No wonder that the artistic references dropped throughout are to Hieronymus Bosch, Hans Bellmer and Matthew Barney. (All B’s, just like Becker herself !) A prosthetic heart built out of plastic tubing resembles a nest of thorns, protective of the soul nestled inside. An immense hippo costume made out of giant wads of paper provides a dress for hiding and sheltering. A painting exploring space places a blind self-portrait of the artist inside an egg for protection against the needy world outside her shell. Fashion is mostly thought of as a means of presenting oneself to others, but Becker suggests something both more fundamental and more imaginative: that it can provide sanctuary and surreality.

—Lori Waxman 9/10/12 4:07 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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