60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Frauke Frech

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Während des TransEuropa Festivals 2012 bezogen fünf Künstler für sechs Wochen eine Haus in Hildesheim. Frauke Frech, Miguel Bonneville, Gunnur Martinsdottir, Edvinas Grin und Vaida Brazuinaite hatten zuvor noch nicht zusammengearbeitet, doch nachdem sie gemeinsam eingezogen waren, bildeten sie ein Kollektiv, das sich Living Room nennt. Ergebnis war eine Mischung aus Reality-TV und relationaler Ästhetik, „Big Brother“ traf auf Rirkrit Tiravanija.

Als „Prologue“ öffneten sie ihren Garten für fünf Stunden, verwehrten den Besuchern aber den Eintritt in ihr Haus, wo sie in der Zwischenzeit ihren üblichen Beschäftigungen nachgingen. Für „Dinner“ wurden dann fünf Teilnehmer aufgrund ihrer Beantwortung dreier Fragen ausgewählt und zum Abendessen eingeladen. In beiden Fällen nahm das frustrierte Publikum zuletzt die Sache in die eigene Hand.

Als die Temperaturen im Garten sanken und es unangenehm kalt wurde, die Leute trinken wollten oder auf die Toilette gehen, wurden Schilder beschriftet und vor den Fenstern des Hauses hochgehalten, worauf die Künstler dann auch reagierten. Als das Abendessen zu gewöhnlich ausfiel, machten die geladenen Gäste einen Aufstand und verlangten nach mehr.

Das muss den Künstlern gefallen haben, die an der Arbeit mit dem Publikum interessiert waren und die Flexibilität des menschlichen Materials unter die Lupe nehmen wollten. Doch was hätten sie getan, wenn gar keiner gekommen wäre oder die Besucher einfach gegangen?

— Lori Waxman, 21. Juli 2012, 17.57 Uhr

During the TransEuropa Festival 2012, five artists took up residence in a house in Hildesheim for six weeks. Frauke Frech, Miguel Bonneville, Gunnur Martinsdottir, Edvinas Grin, Vaida Brazuinaite had not made work together before, but after moving in, they became a collective called Living Room. What resulted was a cross between reality television and relational aesthetics, “Big Brother” meets Rirkrit Tiravanija.

For “Prologue,” they opened their garden for five hours but did not let visitors into the house, where they went about their regular business. For “Dinner,” five participants were chosen based on their answers to three questions, and invited over for dinner. In both cases, the frustrated audience eventually took matters into their own hands.

When the temperature in the garden dropped uncomfortably low, and people needed a drink or a toilet break, signs were written and held up against the window, and the artists acquiesced. When the dinner proved too commonplace, the guests caused an uproar and demanded more. The artists, interested in working with the audience and in testing the flexibility of the human as a material, must have been pleased. What they would have done if no one had shown up, or if the visitors had just left?

—Lori Waxman 7/21/12 5:57 PM

Lesen Sie auch

Liste aller Kunstkritiken von Lori Waxmann

Rezensionen für jedermann: Lori Waxmans Kunstkritiken in der HNA

 

Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.