60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Halina Langmann-Wierzbowska

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Die Femme fatale ist ein vertrauter und alter Archetypus. Früher gab es Jezebel und Salome, heute sind es Nikita und Catwoman. Man hat sie geschrieben, gezeichnet, gefilmt, Cartoons von ihnen gemacht, doch meistens taten das Männer für Männer.

Doch nun: Auftritt der verführerischen, mysteriösen Frauen auf Halina Wierzbowskas Gemälden! Ein Rotschopf enthüllt ihren sinnlichen Körper, nur halb verborgen unter einem Temperament verheißenden roten Kleid, ihr langes Haar ist zum Teil geflochten, zum Teil hängt es herab. Ihr Gesicht, das uns durch seine Symmetrie aus der Fassung bringt, stiert aus der Mitte der Leinwand, die Augen zu groß, als dass man sie übersehen könnte. Mohnblüten umgeben sie, als ob sie vor ihr warnen wollten.

Eine andere Mohnfrau, gemalt mit schwarzen Linien, die an Egon Schieles tintenschwarze Salome gemahnen, blickt finster und hinreißend. Ihr Körper, eine beinahe unerträglichen Mischung aus Ultradünn und Drall. Gekleidet ist sie in ein kleines Schwarzes, das schrecklich durchsichtig ist.

Und schließlich zeigt uns Wierzbowska Coco Chanel, eine Femme fatale für Frauen. Die First Lady der Dreistigkeit trägt Perlen schwer von Farbe und einen Ausdruck im Gesicht, der kokett, hart und überzeugt ist. Auf ihren roten Lippen spielt ein beinahe unwahrnehmbares Lächeln, während sie sich um eine Zigarette schließen. Aber wo ist der Rauch?

— Lori Waxman, 16. Juli 2012, 15.16 Uhr

The femme fatale is a familiar and ancient archetype. There was once Jezebel and Salome, and now there’s Nikita and Catwoman. She’s been written, drawn, filmed and cartooned, but mostly by men and for men.

Enter the seductive, mysterious women of Halina Wierzbowska’s paintings. The redhead bares her voluptuous body, half-gowned in a sultry red dress, her long hair partly plaited, partly down. Her unnervingly symmetrical face stares from the midline of the canvas, eyes too big to ignore. Poppies surround her, as if in warning.

Another poppy-woman, painted with black lines that recall Egon Schiele’s inky Salome, gazes gaunt and gorgeous, her body that unbearable combination of ultra-thin and buxom. She’s dressed in a little black number that’s painfully see-through.

Finally, Wierzbowska presents Coco Chanel, a femme fatale for femmes. The first lady of ballsiness wears pearls heavy with paint and an expression that’s flirty, hard and sure. Her red lips let just the faintest little smile out, while holding tight on a cigarette. But where’s the smoke?

— Lori Waxman 7/16/12 3:16

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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