60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Hans Bauer

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Hans-Joachim Bauer ist ein land artist der in Homberg lebt, doch bereits Island und Patagonien bereist hat und schon bald in die Antarktis aufbrechen wird. Er hat die Auswirkungen der globalen Erwärmung mit eigenen Augen gesehen und etwas dagegen unternommen.

In „La Conferencia de Clima“ hat er und sein Team einen kleinen Eisberg unter großen Schwierigkeiten mit einer Art Lasso eingefangen und mit Hilfe eines Motorboots einen Kilometer näher an den Serrano Gletscher im O’Higgins Nationalpark, von dem der Eisberg losgebrochen war, herangezogen.

In „Klimakonferenz 2.0“ bemühte er sich mit aller Kraft mit einem Heimtrainerfahrrad vom hinter ihm abschmelzenden Jökullsarlon Gletscher fort zu kommen. Die völlige Unzulänglichkeit solcher Bemühungen ist komisch, doch auf sinistre Weise; sie stehen für die schiere Unfähigkeit der Menschen, wesentliches gegen den beinahe unaufhaltsamen Fortschritt des Klimawandels zu unternehmen. Dass fast niemand diese künstlerischen Aktivitäten sehen kann, wenn sie durchgeführt werden, passt ausgezeichnet, wenn man bedenkt, dass neunzig Prozent der Gletscher dieser Welt im Schmelzen begriffen sind, wenn Sie gerade diese Zeilen lesen, obwohl Sie das freilich nicht sehen, wenn Sie aus dem Wohnzimmerfenster blicken.

Fast niemand muss das mit ansehen – mit Ausnahme der schmelzenden Gletscher selbst, ein paar Wissenschaftlern, der jeweiligen indigenen Bevölkerung und der zufällig bedrohten Arten. Hoffen wir, dass diese Gegenwartskunst zu schätzen wissen, obgleich dies nur ein kleiner Trost sein wird, genauso wie auch die Anstrengungen der Erderwärmung entgegenzuwirken nach Bauers Ansicht nur in geringstem Maße fruchten.

— Lori Waxman, 21. Juli 2012, 14.50 Uhr

 

Hans-Joachim Bauer, a land artist who lives in Homberg but has traveled to Iceland, Patagonia and soon the Antarctic, has seen global warming and done something about it.

In “La Conferencia de Clima,” he and a team lassoed a small iceberg with great difficulty and used a motorboat to tow it one kilometer closer to the Serrano Glacier in O’Higgins National Park, from which it had broken loose.

In “Klimakonferenz 2.0,” he exerted immense effort on a stationary bicycle to try and get away from the melting Jökullsarlon Glacier behind him. The absolute inadequacy of these exertions is comic but only in the darkest sense, standing in as they do for what Bauer sees as humankind’s utter incapacity to do much to halt the progress of climate change. That almost no one can actually see these acts of art as they happen seems fitting, considering that ninety-percent of the world’s glaciers are melting as you read this, and you aren’t seeing it out your living room window.

Almost no one sees it—except, that is, for the melting glaciers themselves, a few scientists and indigenous populations, and the occasional endangered species. Let’s hope they like contemporary art, though it will surely be as small a comfort as Bauer believes most anti-warming effort to be.

—Lori Waxman 7/21/12 2:50 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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