60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Hartwig Frisch

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Die in warmen Orange-Rot gehaltenen Vögel auf Hartwig Fritschs „Helplessness“ hocken einsam da, einsam abseits des Schwarms, isoliert in fahl-trübem Nimbus. Schwarze und orangefarbene Pinselstriche schraffieren den Hintergrund, füllen ihn mit ohnmächtiger und unverständlicher Geschwätzigkeit.

Die malvenfarbenen Kiefern in seinem „Asian Forrest“ ragen hoch und dünn auf, unbeugsam im böigen Wind und Regen, der durch ihr Geäst rauscht. Der Himmel schimmert grimmig und verblüffend Rosa, und der Sturm wütet so gewaltig, dass er die Farbe selbst verbläst, die sich am bemalten Rahmen des Bildes absetzt. Vor fünf Jahren hat Frisch mit dem Malen begonnen, weil all diese Bilder und Farben in seinem Kopf waren. Sanft und lumineszierend erscheinen seine Visionen wunderbar, wenn sie sich in dieser Größe auf dem Papier ausbreiten. Doch dass sie sich auf diese Weise aus seinem Geist herauslösen scheint mehr ein Akt der Großzügigkeit dem Betrachter gegenüber zu sein, denn Erleichterung für ihn selbst.

— Lori Waxman, 13. August 2012, 13.55 Uhr

The warm orange-red birds in Hartwig Frisch’s “Helplessness” perch in solitude, lonely despite the flock, isolated by a pale, hazy aura. Black and orange brushstrokes crosshatch the background, filling it with faint, unintelligible chatter.

The mauve pine trees in his “Asian Forest” stand tall and thin, unbending in the gusts of wind and rain that sweep through their thicket. The sky glows a fierce, stunning pink, and the storm rages so powerfully that color itself blows away, settling on the picture’s painted frame. Frisch began painting five years ago on account of all the images and colors filling his head. Gentle and luminescent, his visions appear so beautiful when painted large on paper that their liberation from his mind seems more an act of generosity toward viewers than release for himself.

—Lori Waxman 8/13/12 1:55 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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