60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Helmut Laurentius

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Die Motive von Helmut Laurentius nebelhaften Bildern sinken zurück und treten hervor, versammeln sich und zerstreuen sich dann wieder. Dies sind keineswegs realistische Bilder; es sind pulsierende abstrakte Kompositionen marginaler Farben und seltsamer Formen, ausgeführt mit undeutlichen Strichen.

Laurentius nennt seinen Stil selbst „emotionale Seismographie“, und Kunst ist für ihn zum Teil auch eine Möglichkeit Gefühle zu übermitteln, die sich im Zuge seiner Arbeit als Therapeut mit behinderten, autistischen und epileptischen Kindern und Teenagern ansammeln.

Auf einer anspruchslosen Leinwand – sie ist Teil einer Serie – ruht eine Schicht fleischfarbener Farbe fleckig über blauem Grund. Striche auf der Oberfläche zeichnen Adern nach, aber auch Narben. Rote Linien könnten Fingernägel sein oder auch Blut.

Eine einfache Pastellzeichnung entwickelt sich um eine Lichtquelle herum, doch horizontale Linien – Gitter an einem Fenster, echte oder metaphorische – stehen dieser im Weg. Eine viereckige Leinwand voll von dunklen dynamischen Formen weist auf völlige Sättigung hin und die Schwierigkeit, ja gar Unmöglichkeit, sie jemals auseinander sortieren zu können. Den Dingen Sinn verleihen ist schließlich nicht gerade das, was Malerei tut. Nicht vollständig, nur beinahe, doch etwas.

— Lori Waxman, 4. Juli 2012, 15.10 Uhr

The subjects of Helmut Laurentius’s hazy paintings recede and advance, cluster and disperse. Make no mistake, however. These are not realistic paintings by any means, but pulsing, abstract compositions of marginal colors and odd shapes formed with scrawled brushstrokes.

Laurentius terms his style “emotional seismography,” and art for him is in part a channel for feelings that accumulate during his work as an art therapist for handicapped, autistic and epileptic children and teenagers.

In one modest canvas, part of a series, a layer of flesh-colored paint rests patchily over a blue ground; scratches in the surface trace veins but also scars; red dashes could be fingernails or blood.

A simple pastel drawing centers on a source of light, but horizontal lines—bars on a window, literal or metaphoric—stand in its way. A rectangular canvas brimming with darkly vibrant forms indicates total saturation, and the difficulty, even the impossibility, of ever sorting it all out. Making sense of things, after all, isn’t exactly what painting does. Not quite, not almost, but something.

- Lori Waxman 7/4/12
3:10 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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