60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Henner Richter

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Kunst kann aus abstrakten Idealen fabriziert werden oder dem Kult des Natürlichen entspringen, sie kann sich persönlicher Verehrung verdanken oder ästhetisches Experiment sein. Sie kann auch aus Alltagsobjekten bestehen und beruflichen Fähigkeiten entstammen. Doch auch wenn diese letzte Bemerkung ein Gemeinplatz ist, so bedeutet das nicht, dass bei solchem Vorgehen auch etwas Banales herauskommt.

Henner Richter stellt dies immer und immer wieder unter Beweis, indem er den Stoff verwendet, der ihm in seinem Beruf als staatlicher Geometer unter die Hände kommt, und ein erfahrungsreiches Alter mit einbringt. Deshalb treffen hier tausende von Akkupunkturnadeln auf Bonbonschachteln und Kupferspulen, um schwindelerregende Kosmologien vorstellig zu machen. Hyperbelförmige Bretter werden übereinander angebracht und dann peinlich genau eingefärbt, etwas, das man vielleicht die erste topografische Op-Art nennen könnte.

Natürlich gibt es hier aber auch noch viel mehr: Eine Assemblage aus Streichholzbriefchen, die aus dem Urlaub mitgebracht wurden, eine Vitrine mit Briefmarken, ein Abstraktion aus Gardinenstangen, Baumwurzelschlangen, sogar eine Kollage zur documenta IX. Das Leben fördert jede Menge Krimskrams und Überbleibsel zutage, doch es liegt an uns, ob wir dies als Abfall oder als Kunst betrachten und ob wir dies oder jenes daraus machen. Ehe Richter in Rente ging, war er Landvermesser, und er schuf Ordnung in all dem, was vor ihm lag. Damit macht er weiter und bezeugt so, dass Ordnung alles andere als alltäglich ist.

— Lori Waxman, 25. August 2012, 16.42 Uhr

Art can be made out of abstract ideals or the cult of nature, personality worship or aesthetic experiment. It can also arise from quotidian objects and vocational skills. But though these last may be commonplace, they need not produce something mundane.

Henner Richter proves this again and again, as he mines the stuff of a state surveyor’s profession and a rich but aging life. So thousands of acupuncture needles come together with candy boxes and copper coils to form dizzying cosmologies. Hyperbolic boards are layered one over the other, then meticulously colored in, to create what might be the first topographical op art.

There’s more, of course: a holiday matchbook assemblage, a stamp vitrine, a curtain rod abstraction, tree root snakes, even a Documenta IX collage. Life produces a lot of odds and ends, bits and pieces. But it’s up to us to decide if it is junk or art, and how to make it one thing or the other. Before he retired, Richter was a land surveyor, making order out of whatever lay before him. He continues to do so, proving that order is anything but ordinary.

—Lori Waxman 8/25/12 4:42 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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