60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Henriette Herbst

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Im Verlauf von fünfundzwanzig Gemälden und vierzehn Fotografien und beinahe zehn Jahren beschritt Henriette Herbst einen Weg vom Damals ins Heute. Sie nennt es eine „jouney to now.here“. Diese Reise beginnt im Dunkel verwundeter Leinwände, auf denen dicke, expressionistische Pinselstriche einen geschundenen Raum schaffen, wo sich verzweifelte Figuren verstecken.

Versuchen sie zu sprechen, dann schneiden ihre rauen, fragenden Worte kaum durch die Oberfläche. Und dann ändert sich etwas. Schnell, von da, zum Jetzt, hier. Die Farben werden intensiver, Schwarz und Grau stehen nun im Gegensatz zu Neonorange, grellem Pink und Minzgrün. Surrealistische Szenerien, wie sie Dorothea Tanning vielleicht gemalt hätte, wäre sie in eine postindustrielle Epoche geboren worden, tauchen auf. Melancholische Einsamkeit öffnet sich zu einem blauen Himmel und polychromen Fabriken, aber hier unternehmen winzige schwarze Figuren waghalsige – oder verzweifelte – Abenteuer auf Drahtseilen und in Blasen, die schlimm enden.

Die begleitenden Fotografien, geschossen durch den Hipstamatic-Filter des iPhones, liefern einen überraschend romantischen Ausblick auf Hochspannungsleitungen und Schnellstraßen, sowie einige merkwürdige Portraits von wilden Tieren. Es ist ein langer und seltsamer Trip, kein ausgetretener Pfad, doch das gilt ja auch für das Leben selbst. Diesen sinnvoll zu finden muss nicht unbedingt Sinn ergeben.

 

— Lori Waxman, 14. Juli 2012, 13.59 Uhr

Over the course of twenty-five paintings and fourteen photographs and almost ten years, Henriette Herbst traces a path from then to now. She calls it “a journey to now.here,” and it begins in dark, wounded canvases that use thick, expressionist brushwork to create tortured spaces where distressed figures hide.

When they try to speak, their harsh, questioning words just barely cut through the surface. And then something changes. Fast forward from there, then to now, here. Colors intensify, black and grey now contrast with neon orange, hot pink and mint green. Surrealist scenarios of the kind Dorothea Tanning might have painted if she had been born in a post-industrial era emerge. Melancholy solitude opens up to blue sky and polychromatic factories, but here tiny little black figures undertake daring—or desperate—adventures on tightropes and in bubbles that end badly.

Companion photographs, shot through the iPhone’s hipstamatic filter, give a surprisingly romantic view of power lines and highways, plus some odd headshots of wild animals. It’s a long, strange trip that doesn’t trod expected steps, but then, neither does life. Making sense of it doesn’t need to actually make sense.

—Lori Waxman 7/14/12  1:59 PM

Lesen Sie auch

Liste aller Kunstkritiken von Lori Waxmann

Rezensionen für jedermann: Lori Waxmans Kunstkritiken in der HNA

 

Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.