60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Yon Hille

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Tiere werden oft von denen, die sie als fühlende Wesen begreifen, auf anthropozentrische Weise dargestellt, so als ob sie dem Menschen näher stünden als dem Tier selbst. Das kann niedlich ausfallen oder bedenklich sein.

Bei Yon Hilles diffizil gearbeiteten Primatendarstellungen ist der Effekt tiefsinnig und unheimlich, selbst wenn es sich um ein bezauberndes kleines Äffchen mit großen braunen Augen und einem weichen wuscheligen Bart handelt. Identifikation stellt sich ein, Furcht, ja sogar Neugier, wenn sich der Betrachter dem Thema mehr als theoretisch oder bloß aus evolutionärer Perspektive nähert.

„Maybe – Is That Me?“ zeigt einen zottigen orangefarbenen Affen mit langen, eleganten Armen und wohlgeformten, gebrauchstüchtigen Händen, der sein eigenes Spiegelbild im Wasser betrachtet. Im Hintergrund wogt hohes goldenes Gras im Wind. Die Farbstifte, die Hille ausschließlich verwendet, verzeichnen jedes Detail der Körperbehaarung, jeden Grashalm, so als ob all das von ganz besonderer Bedeutung sei. Vermag der Affe sein eigenes Spiegelbild zu identifizieren? Schwer zu sagen; sein Gesicht bleibt im Schatten verborgen, die Augen scheinen geschlossen.

Ein solches Erkennen des eigenen Selbst ist wesentliches Moment jedes höheren Bewusstseins. Doch für das, was man vielleicht ethischen Bewusstsein nennen darf, ist nicht allein die Erkenntnis des eigenen Selbst durch das jeweilige Wesen ausschlaggebend, sondern vielmehr das Wortspiel, das Hilles Titel nahe legt: „Me“ [Ich]. Das kann sich auf die Künstlerin beziehen oder auf den Betrachter. Vielleicht sind wir dieser Affe.

— Lori Waxman, 20. Juni 2012, 13.58 Uhr

Animals are often portrayed anthropocentrically by those who understand them as meaningfully sentient beings, closer to human than beast. This can be cute or it can be critical.

In Yon Hille’s meticulously drawn portraits of primates, the effect is profound and uncanny, even when the creature is an adorable little simian with big brown eyes and a soft, fuzzy beard. Recognition trumps appeal, fear and even curiosity, as viewer relates to subject in more than just a theoretical and evolutionary sense. In

“Maybe — Is That Me?” a shaggy orange monkey with long, elegant arms ending in extended, capable fingers gazes at her own reflection in a pool of water. At her back, tall golden grasses wave in the breeze. The colored pencils that Hille exclusively uses sketch each bodily hair, each blade of grass, as if it were of individual importance. Can the monkey identify her own reflection? Hard to know; with her face hidden in shadow, her eyes appear closed.

Such self-recognition is key to higher consciousness. But central to what might be called ethical consciousness is not just an individual creature’s self-recognition but the word play indicated by Hille’s title: “me” could mean the artist or the viewer. Maybe that monkey is us.

—Lori Waxman 6/20/12 1:58 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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