60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Holger Woithe

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Holger Woithe ist einer, der auf sympathische Weise interveniert. Er benutzt dafür kitschige Dinge und das mit allegorischer Absicht. Vor dem Hintergrund der vergangenen documenta installierte er dreizehn Eisbären aus Plastik in Kassel, wobei jeder mit einem anderen Muster versehen war.

Bären sind stark, wie auch die documenta stark ist, meint der Künstler dazu, aber Eisbären sind beinahe schon ausgerottet und wenn sie mit Graffiti bemalt sind, sehen sie albern aus. Für die laufende documenta hat Woithe drei Gemälde im Schaufenster einer Apotheke platziert. Sie stehen dort auf surreale Weise neben echten Würsten, Parmaschinken aus Plastik und einem Gewirr aus Fäden. Das ist ein Spiel mit Anfängen und Resten, auch mit Echtem und Attrappe, genauso dümmlicher Erotismus. Woithe schuf eine Skulptur im Viertel unter dem Weinberg in Kassel, die aus dreizehn Plastikkrähen besteht, die auf unheimliche Weise auf zwei Plastikröhren stehen. Der einzelne rote Vogel, der in eine andere Richtung schaut, steht für Differenz angesichts der endlosen Gleichförmigkeit. Doch Krähen sind keine stupiden Vögel. Sie sind schlau und viel zu smart, um für derlei beabsichtigte Unterstellung zur Verfügung zu stehen.

— Lori Waxman, 11. August 2012, 15.23 Uhr

Holger Woithe is a friendly interventionist who uses kitschy goods with allegorical intentions. Against the backdrop of a past documenta, he installed thirteen plastic polar bears throughout Kassel, each decorated with a different scheme.

Bears are strong like documenta is strong, says the artist, but polar bears are also nearing extinction, and they look goofy with graffiti. For the current Documenta, Woithe placed three paintings in a pharmacy window in surrealistic juxtaposition with real sausages, plastic Parma ham and tangles of string. It’s a play on beginnings and ends, but also on real versus fake and silly eroticism. Woithe also built a sculpture in the Weinberg district with thirteen plastic crows lined up uncannily along two plastic tubes. The one red bird that faces the opposite direction stands for difference in the face of endless sameness.

But crows aren’t mindless birds. They’re cunning, and way to smart to stand for such willful misrepresentation.

—Lori Waxman 8/11/12 3:23 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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