60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Iacopo Seri

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Iacopo Seri schafft keine aggressiven, widerlichen oder anders unerfreulich in Erscheinung tretenden Kunstwerke. Dennoch gehören zu den Materialien, die er bei seinen Projekten und Performances zum Einsatz bringt, seine eigenen Fäkalien, die Masturbationsfantasien anderer Menschen, trunkene Gespräche und Sex. Wie er es zu Wege bringt, aus derlei profanen Substanzen geniale und freigiebige Kunst zu schaffen, erinnert weniger an die Geschichte des Midas, sondern weit mehr an die Lettristische Internationale, an die jungen französischen Strolche, die im Paris der 50er Jahre das Genie bewiesen, bezechte Spaziergänge in radikale dérives zu verwandeln.

Seri für seinen Teil hat aus seinem täglichen Kot kleine impressionistische Gemälde gemacht; er hat sechs Monate transkribiertes Gerede als seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule vorgelegt; er führte das Trinken von Wein in ein Seminar über Deleuze und Guattari ein; und er ließ am Vorabend einer Ausstellung ein junges Paar in einer Galerie mit der Aufforderung zurück, sie mögen dort Sex haben. Bei diesen Arbeiten führt die Erhöhung von alltäglichen und basalen Tätigkeiten zu einer ungewöhnlichen Offenbarung, zu einem indirekten Verstehen und zu zufälliger Produktion.

Darüber sollten Sie das nächste Mal nachdenken, wenn sie auf der Toilette sitzen oder zuviel getrunken haben. Öffnen Sie ihr eigenes Bewusstsein.

— Lori Waxman, 22 August 2012, 14.02 Uhr

Iacopo Seri does not make aggressive, noxious or otherwise unpleasant artwork. And yet, the materials for his projects and performances have included his own feces, other people’s masturbatory fantasies, drunken conversations and sex. How he manages to transform such profane substances into genial and generous art echoes less the story of Midas than that of the Lettrist International, the young French hoodlums who had the genius to turn inebriated wandering into radical dérives in Paris in the early 1950s.

Seri, for his part, has transformed his daily shit into small, impressionistic paintings; presented six months of transcribed intoxicated talk as his masters of art dissertation; introduced the drinking of wine into a seminar on Deleuze and Guattari; and left a couple alone in a gallery on the eve of an exhibition, with the request that they make love. In these works, the elevation of quotidian and base actions moves toward unconventional revelation, indirect understanding and chance production.

Think about that the next time you sit on the toilet or drink too much, and open your own mind.

Lori Waxman 8/22/12 2:02 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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