60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ildikó Szász

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Oft kritisiert man die Kunst dafür, dass sie nicht genug zu Wege brächte. Sie errichtet keine stabilen Häuser oder hält die Menschen warm, sie nährt und kleidet sie nicht, sie löst keine Probleme und liefert nicht einmal ziemlich gute Lösungsansätze. Es überrascht daher herauszufinden, dass Kunst tatsächlich ein Leben gerettet hat.

Die Kunst, um die es sich dabei handelt, ist eine Zeichnung von Ildikó Szász. Reizend, farbenfroh und schematisch. Mit einem Maulwurf als Hauptperson. Die Mitspieler sind ein Tausendfüssler, ein Schmetterling und ein Wurm; hinzu kommen noch die Sonne, zwei Möhren und eine wunderbare große Pflanze mit blauen Blumen. Die Bühne für all das ist ein mehrstöckiges graues Haus mit rosafarbenen Elementen und ein dazugehöriger Garten. Kleine, handgeschriebene Sätze sprechen davon, dass der Maulwurf blind ist und alleine lebt. Das sind Angaben, die sowohl zutreffen, wie sie auch dazu bestimmt sind, Sympathie zu erwecken. Andere Sätze erklären, dass er für Pflanzen schädliche Insekten verspeist, die Nutzpflanzen selbst aber unangetastet lässt und die Erde umgräbt – alles Eigenschaften die aufgezählt werden, um Zuneigung hervorzurufen.

Ein gutes Wesen ist dieser Maulwurf und Szász möchte nicht, dass ihre Freunde ausgerechnet den verjagen, der es in deren eigenen wunderbaren Garten geschafft hat. Deshalb hat sie ihnen dieses Bild gemacht. Und es hat funktioniert. Würde das öfter so sein, würden auch mehr von uns immer dann zu Acryl- und Wasserfarben greifen, wenn es darum ginge, ein Problem zu lösen.

— Lori Waxman, 15. August 2012, 17.31 Uhr

Art is often accused of not doing enough. It doesn’t build sturdy houses or keep people warm, it doesn’t nourish or clothe, doesn’t solve problems or even propose very good solutions. So it comes as a surprise to learn that art has indeed saved a life.

The art in question is a drawing by Ildikó Szász. Charming, colorful and schematic, its central character is a mole. The bit players are a caterpillar, butterfly and worm, plus the sun, two carrots and a lovely tall plant with blue flowers. The scene consists of a multistory grey house with pink trim and the house’s garden. Small handwritten phrases note that the mole is blind and lives alone, details both true and intended to elicit sympathy. Others explain that he eats bugs that destroy plants, leaves vegetables alone and aerates the soil, attributes meant to evoke fondness.

He is a good creature, this mole, and Szász does not want her friends to expel the one that has made its home in their beautiful garden. So she made them this picture. And it worked. If only this happened more often, perhaps more of us would take up watercolor and acrylic when we encounter problems.

—Lori Waxman 8/15/12 5:31 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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