60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ilse Kern

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Im Zentrum einer dichten, üppig grünenden Szene, von der kürzlich verstorbenen Ilse Kern gemalt, neigt sich der Kopf einer Frau zurück, die Lippen leicht geöffnet. Es ist Mutter Erde, eine Göttin, die Sonne ist ihr Glorienschein, der Regenbogen eine Erweiterung ihrer Augenlider. Satte Blumen und Blätter kleiden sie, Regenwürmer und fette rote Erde bilden ihre Bettstatt. Kerns feministische Vision zeigt eine Zeit, in der Frauen als kraftvolle Symbole sich in Szene setzten, indem organische, biologische und natürliche Mittel zum Tragen kamen, wenngleich angemerkt werden muss, dass ihre blaue und goldgelockte Gottheit erstaunt blickt, doch vielleicht ist sie auch nur maßlos erschöpft ob all der Fülle, die sie umgibt.

Ganz gewiss ist sie nicht Herrin der Lage, sie scheint nicht einmal zufrieden. Auf einem zweiten Bild, das sogar noch blumenreicher und fantastischer ist als das erste, malt Kern nun Schmetterlinge und Blumen und Vögel ins Zentrum hinein. Das bedeutet, dass hier nun keine Person – keine Frau – das Sagen haben muss. Doch immer noch fließt das Wasser, die Pflanzen sprießen und der Himmel leuchtet blau. Das mag nun letzten Endes die avanciertere feministische Sicht sein.

— Lori Waxman, 15. August 2012, 16.39 Uhr

At the center of a dense, verdant scene painted on silk by the late Ilse Kern, a woman’s head tilts back, her mouth slightly ajar. She is mother earth, a goddess, the sun her halo, the rainbow an extension of her eyelids. Lush flowers and foliage dress her, earthworms and rich red soil form her bed. Kern’s feminist vision pictures a time when women emerged as powerful symbols through organic, biological and natural means, though it must be noted that her blue and gold-tressed deity looks stunned, or maybe just utterly exhausted, by the cornucopia that surrounds her.

She certainly doesn’t seem in charge, or at all content. In a second painting, even more flowery and fantastical than the first, Kern paints butterflies and flowers and birds at its center instead. Which is to say, no person—no woman—had to be in charge. And still the water flows, the plants flourish, and the sky shines blue. That, in the end, might be the more advanced feminist view.

—Lori Waxman 8/15/12 4:39 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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