60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ingeborg Frankenhauser

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Märchen sind nichts für Kinder. Was hat bloß Walt Disney dazu verleitet zu glauben, sie wären für junge Leute gute Unterhaltung? Mit „Snow White’s Stepmother“, einer Alternativerzählung von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ aus Sicht der Stiefmutter, unterläuft Ingeborg Frankenhauser kein solcher Fehler.

Mit ihren Illustrationen, die jeweils in sehr unterschiedlichen Stilen angelegt sind, folgt sie dem Abstieg der Stiefmutter in die Tiefen der Eifersucht und des Verrats, sowie ihrer letztendlichen Selbstzerstörung. Hier geht es um Individualpsychologie, darum, wie ein Mensch zur Bestie werden kann und wie eine solche Transformation jede Verbindlichkeit auslöscht und durch schiere Bestialität ersetzt. Bei Frankenhausers Illustrationen werden alle erdenklichen, dem Horrorgenre nahe stehenden Elemente gesampelt, um hochgradig fantastische Augenblicke zu schaffen.

Hier wird vom japanischen Anime und vom Airbrush des Hardrock geborgt, von der Digitalkollage des gothic und vom belgischen Expressionismus. Nichts Groteskes ist dieser Geschichte der psychologischen Selbstvernichtung einer Frau fremd, und dennoch könnte sie nicht verführerischer sein. Das solltest Du dir ansehen und verkaufen, Walt Disney.

— Lori Waxman, 8. August 2012, 16.39 Uhr

Fairy tales are not for children. Whatever could have made Walt Disney think they were appropriate vehicles for entertaining the young? Ingeborg Frankenhauser makes no such mistake in “Snow White’s Stepmother,” an alternative narration of “Snow White and the Seven Dwarves” from the evil stepmother’s point of view.

In illustrations that range vastly in style, she follows the stepmother’s descent into jealousy and treachery, and her ultimate self-destruction. This is about individual psychology, about how a person can turn animal, and how this transformation extinguishes civility and replaces it with utter beastliness.

Frankenhauser’s illustrations sample every horror-friendly genre for its most gorgeous moments, borrowing from japanimé and hard rock airbrush, from gothic digital collage and Belgian expressionism. No grotesquerie is hidden in this story of one woman’s psychological undoing, and yet it couldn’t be more seductive. Try and sell that, Walt Disney.

—Lori Waxman 8/8/12 4:39 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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