60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ingrid Boguth

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wir müssen alle sterben, soviel ist sicher. Das ist eine Wahrheit, ganz gleich ob man an das Schicksal glaubt oder an den Zufall, an ein Leben nach dem Tod oder einfach daran, in die Grube zu fahren und dann Schluss. Ingrid Boguths Ölbilder beschäftigen sich mit dieser unanfechtbaren und absolut zentralen Tatsache.

Sie setzen sich unmittelbar damit auseinander, unnachgiebig und optimistisch. Auf einem steht ein wirteliger Baum beinahe ohne Blätter da, umgeben von der herbstlichen Decke seines trockenen Laubes. Ein neuer Zweig, grün vor braunem Hintergrund, beginnt zu sprießen, wächst in eine andere Richtung, weg vom Tod und dennoch untrennbar mit ihm verbunden. Auf einem zweiten Bild sieht man das Gesicht einer Frau – es ist kein Selbstportrait, ähnelt aber der Künstlerin –, welches in der Mitte geteilt ist. Zur Linken sieht man den blanken Schädel, zur Rechten ein anziehendes Antlitz mit spitzig abstehendem, rötlich braunem Haar und dem Ansatz eines Lächelns um die Lippen. Nimmt man die beiden Seiten der Mundpartie zusammen, dann scheint auch der Schädel zu lächeln, auch wenn es sich hier nur um die Zähne und die Kinnlade handelt. Die beiden Hälften formen ein Ganzes, das verstörend wirken soll, es aber in der Tat nicht ist, vielleicht deshalb, weil das Lebendige und das Tote scheinbar so unbeirrt zusammengehören.

Bloß der Titel weist in eine andere Richtung: „Life and Death – Happiness and Misery“ [„Leben und Tod – Freude und Elend“]. Doch keine der beiden Seiten dieses Gesichts bringt Bestürzung zum Ausdruck, weder der gefühllose Knochenschädel, noch die lebendige, atmende Frau, die weiß, dass eines Tages der Tod sie unvermeidlich ereilen wird.

— Lori Waxman, 15. August 2012, 17.06 Uhr

We are all going to die, that much is certain. It is true whether you believe in fate or chance, life after death or being six feet under and nothing more. Ingrid Boguth’s oil paintings deal with this incontrovertible, utterly central fact.

They deal with them directly, unflinchingly and optimistically. In one, a whorled tree stands nearly leafless surrounded by an autumnal blanket of its dried foliage. A new branch, green against brown, begins to sprout, shooting off in another direction, away from death but inextricably linked to it. In a second painting, the face of a woman—it’s not a self-portrait but resembles the artist—is split in half. The left is a bare skeleton, the right an attractive visage with spiky auburn hair and the hint of a smile. Mouths aligned, the skeleton seems to be smiling too, though it’s just the natural set of her teeth and jaw. The two halves form a whole that ought to be unsettling but isn’t, perhaps because the living and the dead seem so unperturbed by one another.

Only the title suggests otherwise. “Life and Death – Happiness and Misery” it’s called, but neither side of this face expresses dismay, not the unfeeling skull nor the living, breathing woman who knows that no matter what, death will be her end someday.

—Lori Waxman 8/15/12 5:06 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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