60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ingrid Siebrecht-Lehmann

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Vor vier Jahren fand Ingrid Siebrecht-Lehmann während einer Wanderung durch einen österreichischen Wald ein schmales Stück Holz, das von einem Baum geschnitten worden war. Gekrümmt und in sich verdreht war es Beweisstück für Beschädigung und rief nach Heilung. Das eine Ende des Holzscheits berührte sie nicht, das andere jedoch sehr wohl, und das war Grund genug, einen Stapel von Zeichnungen und Malereien anzufertigen.

Zwei Dinge sind dabei bemerkenswert. Zuerst sind das die Arten von Bildern, die Siebrecht-Lehmann ausgehend von dieser Inspirationsquelle schuf. Ein quadratisches tiefblaues Gemälde mit orangefarbigen und grünen Elementen, einige von diesen zusammengestellt von der eingetrockneten Farbpalette, erinnert an den Querschnitt eines Gehirns. Eine Studie in Acryl auf Papier könnte den Fötus im Mutterleib darstellen.

Eine Reihe kleiner Zeichnungen stellt den Baum selbst dar, als wäre er vom einen zum anderen Ende durchgeschnitten worden; sie zeigen seine innere Struktur. Ein Stück Holz wird zu einem empfindungsfähigen Körper mit Organen, der in der Lage ist, Leben hervorzubringen. Zweitens muss man festhalten, wie Siebrecht-Lehmann – indem sie etwas Neues aus etwas Zerstörtem schafft – gemäß desselben stärkenden und fruchtbaren Prinzips operiert, wie das Holzscheit selbst, das sie zu Anfang inspiriert hatte.

— Lori Waxman, 1. August 2012, 17.40 Uhr

Four years ago, Ingrid Siebrecht-Lehmann found a small cutting of a tree while hiking in the Austrian woods. Contorted and curled in, it evidenced a damage sustained and an effort at healing. One end of the log did not move her but the other did, enough to generate a large body of drawings and paintings.

Two things are remarkable here. The first is the kind of images that Siebrecht-Lehmann composed based on this inspiration. A square, deep blue painting with orange and green elements, some of them collaged from a dried palette, recalls the sectional of a brain. An acrylic study on paper could be of a fetus in the womb.

A series of small drawings imagines the tree as if it had been sliced from one end to the other, picturing its internal structure. A piece of wood becomes a sentient body with organs, capable of producing life. The second thing to note is how Siebrecht-Lehmann, in creating new work out of something damaged, operated along the same restorative, generative principle as the log which so inspired her in the first place.

—Lori Waxman 8/1/12 5:40 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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