60 Worte/Min. Kunstkritik - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Iris Endisch

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Das Paar neigt sich einander zu, der Arm des Mannes umfängt die Hüfte der Frau, ein Flüstern oder ein Kuss wird gleich ausgetauscht werden. Durch die im Hintergrund befindlichen gläsernen Türen glänzen die Lichter eines Festes, und man kann den fröhlichen Lärm beinahe hören. Diese innige Szene könnte aus einem romantischen Film oder Roman stammen, tatsächlich jedoch handelt es sich um eine Fotografie einer Statue, die Iris Endisch bei Nacht aufgenommen hat.

Wir leben umgeben von Statuen, Helden der Vergangenheit und Figuren aus dem Mythos, die meisten von ihnen verfallen und werden vergessen. Man spürt hier die Nähe zu Pygmalion, wenn Endisch ihre Kamera dazu benutzt, sie wieder lebendig zu machen – wie den steinernen Engel, der vor dem Lichtschein aus einem Restaurant eingefangen wird und dergestalt zum Bild eines jungen Mannes gerät, den man nicht eingelassen hat. Aphrodite verwandelte Elfenbein in Fleisch, wohingegen Endisch nur Licht und Kontrast und Farbe nutzt.

Andere Szenen, vom Schlosspark der Willhelmshöhe im Herbst und Einkaufsstraßen bei Nacht, weisen ähnliche Strategien auf, doch sie besitzen nicht den transformierenden Effekt der Fotografien, die sich mit Statuen auseinandersetzen. Hier bringt Endisch eine Magie zustande, die ein wenig irdischer ist als die Aphrodites, doch um nichts weniger dramatisch.

—Lori Waxman, 28. Juli 2012, 13.52 Uhr

The couple bend toward each other, the man’s arm encircling the woman’s waist, a whisper or a kiss about to be exchanged. Through the glass doors behind them, the lights of the party glow bright, the festive noises nearly audible. This intimate scene could have come from any romance movie or novel, except that it is a photograph of a statue taken at night by Iris Endisch.

We live surrounded by statues, of past heroes and mythic figures, most of them moldering and forgotten. With echoes of Pygmalion, Endisch uses her camera to bring them to life—like the stone angel who, captured against the lit interior of a restaurant, becomes the picture of a young man who’s been locked out. Aphrodite metamorphosed ivory into flesh, whereas Endisch utilizes only light and contrast and color.

Other scenes, of the Wilhemshöhe Schlosspark in autumn and shopping streets at night, reveal similar strategies but without the transformative effect of the statue photographs, where Endisch performs a magic more earthly but no less dramatic than Aphrodite’s.

—Lori Waxman 7/28/12 1:52 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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