60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Isolde Rotzinger

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Die Motive von Isolde Rotzingers Gemälden und Skulpturen sind nicht gerade das, was man von einer Amateurkünstlerin erwartet, die Meisel und Pinsel erst spät in ihrem Leben zur Hand genommen hat. Hier gibt es keine beschaulichen Schalen voller Früchte oder hügelige Landschaften. Stattdessen setzt sich Rotzinger mit Sexskandalen in den USA und Ausschreitungen in Fußballstadien auseinander.

Ihre Darstellung des Schädels eines Schafs in verhaltenen, braunen und beigen Ölfarbtönen nimmt ein Vanitas-Objekt ernst genug, um es mit großer Genauigkeit abzubilden, doch auch leicht genug, um dem Gemälde den Titel „Ich war einmal ein mallorcinisches Schaf“ zu geben. Auch dass sie zusätzlich den ganzen Haufen von Knochen, die sie bei einem Radurlaub fand, aufbewahrt hat, darf als Erweiterung dieser Arbeit angesehen werden.

Ihre Einmeißelung des hebräischen Alphabets in eine vertikale Steinstele (Abbildung), die in ihrem eigenen Garten steht, wirkt wie die Heimsuchung durch einen Grabstein; ein Grabstein, aus dessen Inschrift sich die Namen jedes einzelnen der ermordeten sechs Millionen Juden zusammensetzen lassen. Für jeden Künstler stellt dies ein schreckliches Thema dar und ein sehr schwerwiegendes, doch Rotzinger scheint glücklicherweise furchtlos zu sein.

— Lori Waxman, 16. Juni 2012, 15.10 Uhr

The subjects of Isolde Rotzinger’s paintings and sculptures are not quite what one might expect of an amateur artist who took up the chisel and brush late in life. There are no placid bowls of fruit or rolling country landscapes here. Instead, Rotzinger has tackled American sex scandals and football stadium riots.

Her depiction of a sheep’s skull in a muted palette of brown and beige oils takes a vanitas object seriously enough to paint it with great precision and lightly enough to title it, “Once Upon a Time I was a Majorcan Sheep.” That she found and kept the cluster of bones while on a cycling holiday might be considered an extension of the work as well.

Her carving of the Hebrew alphabet in a vertical slab of stone, sited in her own garden, haunts like a tombstone, one which could spell out the name of any one of the six million Jews murdered nearly to extinction. It’s a frightfully weighty topic for any artist to confront, but Rotzinger, thankfully, appears fearless.

—Lori Waxman 6/16/12 3:10 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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