60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Jacob Garbe

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Was ist nötig, um heutzutage eine überzeugende Geschichte zu erzählen? Berühmte junge Romanciers wie Jonathan Safran Foer und Nicolle Krauss weben ihre Erzählstränge aus vielfältigen Betrachtungsebenen aus, von vielen Zeitpunkten her und durch viele Stimmen hindurch. 

Um dem folgen zu können, muss der Leser ein geübter Multitasker sein, der gleichzeitig Textnachrichten schreiben und reden und gehen und Kaugummi kauen kann. Meine Großmutter, die seit achtzig Jahren Bücher liest, nervt das. Sie würde schon das Handtuch werfen, wenn sie Jacob Garbes „From Closed Rooms, Soft Whispers“ nur von weitem zu Gesicht bekäme. 

Das ist eine Geschichte, die mit den Mitteln digitaler Kollage, Textprojektionen, interaktiver Realitätssoftware und einem mechanischen Schrank aus Holz mit sechs Schubladen erzählt wird, wobei sich in letzteren verschiedene Objekte und Textfragmente befinden, die man aber nur zu sehen bekommt, wenn man vorher sechs Mal anklopft. Das ist alles ganz in Ordnung so, denn die Geschichte ist nichts für meine Großmutter. Die Geschichte von R., G. und B., drei Freunden aus Kindheitstagen, die nun in ihren frühen 20ern sind, ist eine Geschichte für Menschen dieses Alters oder jüngere. Sie werden die Selbstanalysen, die Sehnsucht, die Süße und die Ziellosigkeit der individuellen Charaktere begreifen, ihr großes und kühnes Angehen des Lebens, ihre Mischung aus Unschuld und Erfahrung. 

Und sie werden wissen, wie man eine postmoderne Geschichte wie diese zu lesen hat, indem sie viele kleine Geschichten in ihrer Gleichzeitigkeit erfassen und Vorrichtungen und Körper gemeinsam verwenden.

 

— Lori Waxman, 18. Juli 2012, 15.09 Uhr

What does it take to tell a compelling story today? Renowned young novelists like Jonathan Safran Foer and Nicolle Krauss weave their narratives from multiple points of view, at multiple points in time, in multiple voices. 

To follow along, the reader must be a practiced multitasker, who can text and talk and walk and chew gum at the same time. My grandmother, who has been reading books for eighty years, can’t hack it. She would capitulate on first sight of Jacob Garbe’s “From Closed Rooms, Soft Whispers,” a story told through digital collages, text projections, interactive reality software and a mechanical wooden cabinet with six drawers that open to reveal various objects and bits of text, but only after being knocked six times. 

And that’s okay, because this story isn’t for her. The tale of R., G. and B., three childhood friends now in their early twenties, is for people of that age and younger. They will recognize the soul-searching, the yearning, the sweetness and the aimlessness of the individual characters; their big, bold takes on life; their combination of innocence and experience. 

And they will know how to read a postmodern story like this, by holding together many small stories at once, and by using devices and bodies as one.

 

—Lori Waxman 7/18/12 3:09 PM 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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