60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Jean Boskja Missler

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Mit „Drawing with a Sewing Needle“ [„Mit der Nähnadel zeichnen“] entwickelte Jean Boskja Missler eine neue Möglichkeit des Zeichnens. Er arbeitete dreizehn Mal jeweils für zwei Stunden und produziert sechzehn kleine Zeichnungen im Laufe einer solchen Sitzung. Diese Zeichnungen sind insoweit ungewöhnlich, da sie nicht mit Papier und Stift gefertigt wurden, sondern mit Nadel, Faden und Stoff. Fäden machen ausgezeichnete, wenn auch gezackte, Linien und die Situation erlaubte es Missler mit der herkömmlichen erzieherischen Übung zu spielen, ein Bild zu zeichnen, ohne dabei den Stift abzusetzen. Nur in diesem Fall würde die Nadel nicht nur niemals abgesetzte werden, sondern erst gar nicht bewegt.

Stattdessen bewegte Missler den Stoff und „zeichnete“ daher auf umgekehrte Weise. Das ist an und für sich ein interessante, konzeptuelle Verschiebung innerhalb einer gewohnten Praxis und darüber hinaus wird auch noch deutlich, dass Zeichnen auf gewisse Weise eine Art von Arbeit ist. Überraschend ist, dass viele von Misslers Stickereien in der Tat wunderbare kleine Zeichnungen sind, geschickte Skizzen von Silhouetten, die man vor Fensterglas durchpaust, ein Vogel auf einem Zweig, eine kraftvolle Geste und viele andere Szenen, weniger flüchtig zum Ausdruck gebracht.

— Lori Waxman, 6. August 2012, 17.43 Uhr

In “Drawing with a Sewing Needle,” Jean Boskja Missler devised a novel means of drawing. He would perform thirteen times for two hours each, making sixteen small drawings at each sitting. The drawings would be unconventional in that they would be done not with pencil and paper but needle, thread and cloth. Threads make excellent if jagged lines, and the situation allowed Missler to play with the traditional pedagogical exercise of making a picture without lifting the pencil. Only here, not only would the needle not be lifted, it would not even be moved.

Missler would shift the cloth instead, drawing as if in reverse. This in and of itself puts an interesting conceptual twist on a traditional practice, and as well makes the point that drawing is in some sense labor.

The surprise is that many of Missler’s embroideries are in fact fantastic little drawings, deft sketches of silhouettes against a window, a bird on a branch, a forceful gesture, and many more scenes less briefly articulated.

—Lori Waxman 8/6/12 5:43 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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