60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Vid Jeraj

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Vid Jerajs kroatischer Name klingt wie ein Spiel mit der Abkürzung von disc jockey – DJ. Das ist dann auch ein nicht ganz zufälliges Zusammentreffen bei einem forensisch ausgerichteten Journalisten-plus-Saxophonisten-plus-Gelehrten-plus-Radiosprecher, der vielschichtige Performances produziert, die darauf abzielen, Beziehungen zu synthetisieren, die Jeraj zwischen europäischem und amerikanischem Jazz und den Hauptwerken der Literatur und Dichtung des 20. Jahrhunderts herausgefunden hat.

Er nennt seine These „Dzezologija“, was man vorsichtig mit Jazzologie übersetzen darf und die eine Verbindung zwischen Charlie „Bird“ Parker und seinesgleichen mit Milan Kundera, William S. Burroughs, Julio Cortázar, Toni Morrison sowie anderen postuliert. Statt seine Entdeckungen auf klassische Weise vorzustellen, unternimmt Jeraj genau wie die Personen seiner Untersuchungen einen intertextuellen Versuch, und verschneidet Lectures mit aufgezeichneter Musik, live Saxophon, Teilnahme des Publikums und der Verwendung von Haftzettelnotizen.

Das gehört zu seinem weiter gespannten Themenfeld. Hierbei geht er davon aus, dass ein Pianotrio nicht so weit von Freuds Es, Ich und Über-Ich entfernt ist, was auch schon Mingus selbst in seiner Autobiografie behauptete. Und wie auch der Jazz die unterschiedlichsten Räume infiltriert hat, so ist es auch bei Jeraj – seine hybride Praxis verschafft ihm Auftritte in Bibliotheken, Jazzfestivals und auch bei Kunstausstellungen.

— Lori Waxman, 7. Juli 2012, 17.47 Uhr

Vid Jeraj’s Croatian name sounds in English like a play on the abbreviation of disc jockey—DJ. This is a fortuitous coincidence for a forensically inclined journalist-cum-saxophonist-cum-scholar-cum-radio host, who produces multiplatform performances that attempt to synthesize the connections Jeraj has discovered between European and American jazz music with the major works of literature and poetry of the 20th century.

He calls his hypothesis “Dzezologija,” which loosely translates as Jazzology, and believes it links Charlie “Bird” Parker and his kin with Milan Kundera, William S. Burroughs, Julio Cortazar and Toni Morrison, among others. Rather than present his discoveries the classical way, Jeraj goes all intertextuality, just like his subjects, intercutting lecture with recorded music, live sax, audience participation and the sticking up of Post-it notes.

This is part of his larger point—the way that a piano trio works may not be so far from Freud’s id, ego and superego, as Mingus himself put it in his autobiography. And just as jazz has infiltrated spaces far and wide, so too has Jeraj, whose hybrid practice gets him gigs at the library, the jazz festival and the art exhibition, too.

—Lori Waxman 7/7/12 5:47 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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