60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Jess and Ben

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Partizipatorische Kunst hat nicht gerade die längste Tradition, doch sie verlangt Respekt. Öffentliche Künstler wie Suzanne Lacy und Krysztof Wodiczko haben Jahrzehnte damit verbracht, aufrichtige Möglichkeiten zu entwickeln, um gemeinsam mit Individuen zusammenzuarbeiten, um tiefe und herausfordernde Kunstwerke zu schaffen. Diese können einladend ausfallen oder konfrontativ sein.

Jess und Ben, die Moderatoren einer Fernsehshow auf dem Kinderkanal Kika Live haben anlässlich dieser Besprechung hier jeweils ein partizipatorisches Kunstwerk geschaffen. Die ganze Vorstellung macht aus ernsthafter Kunst Komödie, doch nichtsdestotrotz ist sie es wert, kritisch betrachtet zu werden. Das gilt ja schließlich für fast alles. Man denke bloß an die Madonna-Studies. Wie auch immer – Jess’ „Mach das Leben bunt“ setzt sich aus folgenden Elementen zusammen: Aus ihr und vorbeikommenden Passanten. Gemeinsam bespritzen sie eine lange Papierrolle mit einem Regenbogen aus Farbe. Das fertige Produkt gleicht ein wenig einer Mischung aus Giuseppe Pinot-Gallizios „Industrial Painting“ und der Sesamstraße, doch es mangelt ihm an der Gefährlichkeit des ersteren und hat nichts von der Originalität der letzteren. Für „Freudomenta“ ist Ben in einen Arbeitsanzug für Maler und Anstreicher geschlüpft und stellt sich so selbst den documenta Besuchern zur Verfügung.

Sie dürfen ihn dekorieren und dazu alle seine Vorräte benutzen, die er in seinem Koffer mitgebracht hat – Bänder, Klebebänder, Filzstifte. Das taten sie dann auch und noch mehr. Sie nutzen auch eigenes Material, gossen ihm Kaffee auf den Arm, warfen ihm Dreck an den Kopf und brachten einen Fahrradreifen an seinem Hintern an. Was hier von Interesse ist, ist die Aggressivität, die hinter diesen Handlungen steckt und die Tatsache, dass Ben darauf beharrt, dass sie gesetzt wurden, während er den Anzug trug.

Er meint auch, dass „freu“ in „Freudomenta“ auf Freude anspiele, doch wenn das kein freudscher Versprecher ist, dann muss man mir das wohl nächstes Mal um die Ohren schlagen. Bitte.

— Lori Waxman, 16. Juli 2012, 16.40 Uhr

Participatory art does not have the longest history, but it does deserve respect. Public artists like Suzanne Lacey and Krzysztof Wodiczko have spent decades building a sincere means of working with individual populations to make artwork of great depth and challenge, that can be as welcoming as they are confrontational.

Jess and Ben, the hosts of the teen television show Kika Live, each created a work of participatory art for the purpose of this review. The presentation makes a comedy of serious art, but is nevertheless worth critical consideration. Nearly everything is, in the end. Witness Madonna Studies. Anyway, Jess’s “Mach das Leben bunt,” which means “Make life colorful,” consists of her and passersby splattering a long roll of paper with a rainbow of paint. The finished product looks not unlike a cross between the Giuseppe Pinot-Gallizio’s “Industrial Painting” and Sesame Street, but it has none of the criticality of the former and none of the genuineness of the latter. For “Freudomenta,” Ben dressed up in a painting suit and put himself at the disposal of Documenta visitors, who could decorate him using any of the supplies in his suitcase—ribbons, duct tape, markers.

They did this and more, adding materials of their own courtesy of a coffee spill on his arm, dirt on his head, and a bike tire tear on his rear. What’s of interest here is the aggressiveness of the acts, and the fact that Ben insists they were done while he was wearing the suit.

He also says that the “Freu” in “Freudomenta” means happiness, but if that isn’t a Freudian slip, you’ll have to hit me on the head with it next time. Please.

— Lori Waxman 7/16/12 4:40 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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