60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Johannes Lührs

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wäre Julian Schnabel bescheidender und weniger narzisstisch, dann hätte er wohl Bilder gemalt, die ein wenig den Gemälden und Kollagen von Johannes Lührs gleichen.

Lührs erblickte zur Hochzeit des 80er-Jahre Neoexpressionismus gerade einmal das Licht der Welt, doch heute setzt er dessen spontane urbane Gesten mit lebendiger Ernsthaftigkeit weiter um. Dutzende, vierzig Zentimeter im Quadrat messende, Leinwände zeigen verschmierte, über und über bemalte, verwegene Gesichter in jeder denkbaren Nuance, so als ob Lührs Ausschnitte aus einem der monumentalen Werke Jean-Michel Basquiats genommen und vergrößert hätte. Dass einige dieser Bilder gemeinschaftlich gemalt wurden, unterstreicht ganz besonders ihren zeitgenössischen Anspruch, da sich dabei der partizipatorische Ethos der heutigen Kunstwelt, mit all den gesellschaftlichen Experimenten, in Beziehung stehenden Projekten und Live Painting Veranstaltungen zum Ausdruck bringt. Lührs scheint das nur allzu gut zu wissen. Die Serie trägt den Titel „Exlebiment III“, was ein Neologismus ist, den er selbst erfunden hat und welcher die Worte „Experiment“ und „Leben“ zu einem einzigen verschmilzt.

— Lori Waxman, 10. September 2012, 15.05 Uhr

If Julian Schnabel were more modest and less of a narcissist he might have made paintings that looked a little bit like the canvases and collages of Johannes Lührs.

Lührs may have just barely been born during the heyday of 1980s Neo-Expressionism, but he channels its spontaneous, urban gestures with a vibrant sincerity. Dozens of 40-cm-square canvases present scrawled, brushy, bold faces in every shade imaginable, as if Lührs had blown up details taken straight from a monumental work by Jean-Michel Basquiat. That some of these pictures are painted collaboratively renders them particularly contemporary, via the participatory ethos of today’s art world, with its social experiments, relational projects and live painting events. Lührs seems to know this well enough.

The series title is “Exlebiment III,” a neologism of his own invention that combines the German words for experiment and living into one.

—Lori Waxman 9/10/12 3:05 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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