60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Judith Schmidt

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Im Lauf des Lebens eines Künstlers und im Lauf des Lebens seines Werks kann viel passieren. Nur selten haben wir Gelegenheit, diese Veränderungen, so wie sie sich auf Papier und Leinwand niedergeschlagen haben, zu studieren. Ausnahmen bilden hier die Retrospektiven. Nur allzu oft werden bei solchen Ausstellungen die Überraschungen und Sackgassen ausgesondert und in jedem Fall gibt es sie ohnehin nur für sehr berühmte Künstler. Doch jeder ehrliche und umsichtige Künstler wird Werke schaffen, die ebenso verschiedenartig sind, wie das Leben selbst gelebt werden muss – und Judith Schmidt ist eine solche Künstlerin. Vor dreißig Jahren brachte sie simple und rohe Markierungen aufs Papier. Nach und nach überlagerten sie sich solange, bis das Bild dick wurde, eine solide schwarze Masse formte. Gegenständen tauchten in Gestalt von Negativformen auf, dann als gespenstische Figuren. Endlich waren es bewegliche geheimnisvolle Kreaturen geworden, die ihre empfindlichen doch gestaltlosen Körper aufbäumten. Heute sind es realistische Augen und Lippen, die über rosige, ätherische Oberflächen schweben, gemeinsam mit Worten, welche auf die Populärkultur Bezug nehmen – Al Capone, Marcel Proust. All diese Entwicklungen entsprechen parallelen Vorkommnissen in der neueren Kunstgeschichte, von konzeptionellen Zeichnungen bis hin zu den feministischen Praktiken der Aneignungstechnik. Doch auch hier existiert eine einzigartige persönliche Geschichte, eine, die nicht Teil der Geschichtsbücher bleibt, sondern untrennbar Teil des Werkes selbst ist.

— Lori Waxman, 13. Juni 2012, 16.29 Uhr

A lot can happen over the course of an artist’s life, over the course of the life of her work. Rarely do we have the luxury of observing these changes as they picture themselves on paper and canvas, except in the form of retrospective exhibitions. All too often, such shows edit out surprises and dead ends, and in any case only the most famous artists receive them. But any honest, thoughtful practitioner will make work as various as life itself can’t help but be lived, and Judith Schmidt is one such artist. Thirty years ago she applied simple, raw marks to paper. Eventually these accumulated until the picture grew thick with them, a solid black mass. Object shapes appeared as negative space, then haunting figures. Eventually moving, mysterious creatures reared their sentient but featureless bodies. Today, realistic eyes and lips float on rosy, ethereal surfaces above phrases that reference popular culture—Al Capone, Marcel Proust. All of these developments can be matched with parallel ones in the recent history of art, from conceptual drawing to feminist practices to appropriation techniques. But a unique personal history exists here too, one not part of the history books but inseparably part of the work itself.

—Lori Waxman 6/13/12 4:29 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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