60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Jürgen Bunzel

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Jeder Kunststudent muss zu Beginn seines Studiums die Grundlagen der griechischen und ägyptischen Mythologie erlernen, um die antiken Eckpfeiler der westlichen Kunst besser verstehen zu können. Worüber sich diese Vorträge ausschweigen ist, was denn Poseidon oder Sisyphos, Horus oder Ibis mit der Welt zu tun haben, in der wir heute leben.

Jürgen Bunzel hat zu diesem Schweigen etwas zu sagen. Er sagt es mit sorgfältig gemalten Szenen, die das Jetzt, den Mythos und die Moderne miteinander in Beziehung setzen. Wie bei jeder vertrackten, allegorischen Erzählung, vor allem aber bei solchen, die aus nun toten Kulturen stammen, erweist sich eine textlichen Legende als notwendig, damit sie zur Gänze kommunizierbar werden kann. Bunzel liefert eine solche: Er schreibt wie er malt und malt wie er schreibt. Doch auch ohne derlei Kommentare gibt es Momente schmerzlicher Klarheit. In einem Altenheim saugt der ägyptische Gott des Todes die Worte eines Gedichts mit einem Staubsauger auf, die direkt aus einem Buch fallen, das ein ans Bett gefesselter, erbärmlich ungepflegter alter Mann offen in der Hand hält. Ein Gemälde über den Geschlechterkrieg zeigt getrennte Toiletten von Männern und Frauen in den Höhlen ganz oben auf einem zerstörten griechischen Tempelberg.

Hoch über der Halbinsel von Manhattan fangen Ikarus’ Flügel Feuer, doch nicht weil sie sich an der Sonne entzündeten, sondern an den in Flammen stehenden Zwillingstürmen. Frevelhafte Selbstüberhebung ist scheinbar heute ebenso üblich, wie sie es früher war. Und ihre Folgen genauso verheerend.

— Lori Waxman, 8. August 2012, 17.46 Uhr

Every introductory art student must learn the basics of Greek and Egyptian mythology, to better understand the ancient cornerstones of Western art. What is never raised in those lecture halls is what, if anything, Poseidon or Sisyphus, Horus or Ibis have to do with the world as we live it today.

Jürgen Bunzel has something to say to this silence. He says it with meticulously painted scenes that commingle then and now, the mythic and the modern. Like any intricate, allegorical tale, especially one based partly in dead cultures, a textual legend proves necessary for full communication. Bunzel provides one: he writes as he paints and paints as he writes. But even without such commentary there are moments of painful clarity. In a senior’s home, the Egyptian god of death vacuums up the words of a poem, right out of a book held open by a pathetically disheveled, bed-bound old man. A tableau about the war of the sexes includes separate men’s and women’s public bathrooms in caves at the top of a ruined Greek temple mount.

Flying high above the isle of Manhattan, Icarus’ wings catch fire, not from the sun but from the burning Twin Towers. Hubris, it seems, is as alive and well now as it was then. And as disastrous.

—Lori Waxman 8/8/12 5:46 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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