60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Juliana Waz

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Ich lebte einmal in einer Nachbarschaft, wo es zahlreiche ultra-orthodoxe und chassidische Juden gab. Das war in Montreal, doch wenn ich Juliana Vaz’ Video „All the Jewish People“ betrachte, könnte es genauso gut in Higienópolis in São Paulo gewesen sein. Männer und Jungs mit Schläfenlocken, schwarzen Hüten, langen Mänteln und noch längeren Bärten gehen hier in Gruppen oder allein durch ein Wohngebiet, gehen ihren Beschäftigungen nach. Sie versuchen jeden unnötigen Kontakt mit all jenen zu vermeiden, die nicht ihrer Glaubensrichtung angehören und ganz bestimmt suchen sie ihn nicht zu einer jungen Frau, die eine Videokamera in der Hand hält.

Wir haben es hier mit einem Paralleluniversum innerhalb des urbanen Universums der Gegenwart zu tun, etwas ist da und zugleich auch wieder nicht. Vaz’ Video unternimmt den Versuch, diese paradoxe Situation einzufangen, es studiert diese Männer, wie sie unbeirrt an parkenden Autos, farbenfrohen Wandmalereien, endlosen grünen Zäunen, üppiger Pflanzenvegetation in Blumentöpfen vorbeigehen – vorbei auch an ihr selbst. Den Soundtrack liefert die berauschende Musik des ungarischen Komponisten Béla Kéler, Töne aus einer anderen Zeit, von einem anderen Ort. Das Video endet unvermittelt und geheimnisvoll. Ein wenig Vogelgezwitscher ist zu hören und eine Einstellung auf einen jungen Chassid zu sehen, der in einer Art Kabinett mit Fenster sitzt und gelangweilt vor sich hin blickt.

Vaz hat das Geheimnis ihrer Nachbarn nicht gelüftet. Und genauso wenig hat sie alle Juden getroffen, wie der Titel ihres Videos so ironisch nahe legt.

— Lori Waxman, 4. August 2012, 17.02 Uhr

I once lived in a neighborhood with a dense population of ultra-Orthodox and Hassidic Jews. This was in Montreal, but from the looks of Juliana Vaz’s video “All the Jewish People,” it could easily have been in Higienópolis, São Paulo. Men and boys with sidelocks, black hats, long coats and longer beards walk about the neighborhood in groups and alone, going about their business. They make no unnecessary contact with anyone who is not of their sect, certainly not with a young woman holding a video camera.

Theirs is a universe existing in parallel with the contemporary urban one, there but also not there. Vaz’s video wrestles with this paradoxical situation, studying these men as they move obliviously past parked cars, colorful murals, endless green fences, lush potted vegetation—past she herself. The soundtrack is an exhilirating score by the Hungarian composer Béla Kéler, one from another time, another place. The video ends abruptly and enigmatically, with a few bird chirps and a shot of a young Hassidic man in a closet-cum-window, looking bored.

Vaz has not solved the mystery of her neighbors. Nor, of course, has she found all the Jewish people, as her title so ironically suggests.

—Lori Waxman 8/4/12 5:02 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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