60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Julie Bernattz

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Man mache einem Kind ein Geschenk und beobachte, was passiert. Die meisten Kinder werden die Verpackung mehr als den Inhalt mögen. Nicht, dass Puppen und Bauklötze keinen Spaß machen würden, doch die Schachteln und Verpackungen kann man zerreißen, aufreißen und wieder zusammenknüllen, Bälle formen und damit herumwerfen. Keiner wird dir sagen, dass man gestanzte Kartonverpackungen gefälligst nicht kaputt machen soll.

Julie Bernattz, Künstlerin und ausgebildete Grafikerin, arbeitet mit den Materialien, die zur Hand sind. Als Mutter eines jungen Mädchens gibt es jede Menge Nachschub mit My Little Pony und Lalaloopsy Verpackungen, die von begierigen kleinen Händen geöffnet wurden. Diese werden nun vor einem heißen rosafarbigen Hintergrund arrangiert und einige dieser Schnipsel gewinnen dabei völlig unerwartet an Belang.

Einfache Kartonformen erweisen sich am überzeugendsten. Ihre bedruckten Seiten zeigen Landschaften aus der Feenwelt, die nun aber nicht mehr bewohnt sind, so ähnlich wie auch Cory Arcangel mit dem Super Mario Bros. Spiel verfahren ist. Die Rückseiten dieser Kartonteile sind rohe Abstraktionen und erinnern an Rauschenbergs Assemblagen von Pappkartons und Pappen. Einerseits ist das Abfall, anderseits auch wieder nicht. In einem Land, wo die Müllberge wachsen und wir kaum mit der Wiederverwertung nachkommen, ist Bernattz’ Ansatz vielleicht sogar ein notwendiger – sowohl ethisch-praktisch, wie auch ästhetisch.

Kann man es nicht wegschmeißen, dann sollte man es nochmals besehen, darüber nachdenken und herausfinden, ob sich damit nicht etwas Lohnendes anstellen lässt.

— Lori Waxman, 16. Juni 2012, 14.37 Uhr

Give a child a gift and watch what happens. Most prefer the packaging to the toy wrapped inside. It isn’t that dolls and blocks aren’t fun, but that boxes and wrapping are there to be torn, open and closed, balled up and thrown. No one is going to tell you not to destroy a piece of die-cut cardboard.

Julie Bernattz, an artist who trained as a printmaker, works with the materials she has at hand. As the mother of a young girl, she has an endless supply of My Little Pony and Lalaloopsy containers that have been ripped open by eager hands. Arranged against a hot pink ground, some of these scraps reveal totally unexpected interest.

Simple cardboard shapes prove most compelling. The printed sides are faerie lands empty of their inhabitants, like when Cory Arcangel removed Mario from the Super Mario Bros. video game. The backsides are raw abstractions, recalling Robert Rauschenberg’s cardboard reliefs. It’s trash but it also isn’t.

In a land increasingly filled with garbage that we can just barely manage to recycle, Bernattz’s approach may become a necessary one, practically and ethically, as well as aesthetically. If you can’t toss it, look at it again, rethink it, and see if you can’t find something worthwhile there.

—Lori Waxman 6/16/12 2:37 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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