60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Jutta Gottschalt

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Die Surrealisten waren die ersten Künstler, die das Potenzial des Veralteten erkannt hatten, wenn sie durch die Arkaden und Flohmärkte von Paris schlenderten, magnetisch angezogen von Schuhlöffeln und Damenhandschuhen. Die Zyklen des Konsums haben sich seit damals beschleunigt und immer mehr Gegenstände werden nicht länger gebraucht.

Einige von ihnen hatten das Glück, bei Jutta Gottschalts mehrjährigem Projekt „Ein – Farb – Räume“ ein neues Leben anfangen zu können. Doch was tut man mit Einmachgläsern und afrikanischen Masken, Knöpfen und Muscheln, alten Strümpfen und ausgestopften Spielzeug? Gottschalt, die ein Händchen dafür hat, eine behutsame Form von Ordnung aus dem potenziellen Chaos herauszudestillieren, wählte Farbe als Organisationsprinzip, wobei sie auch gleich die endlose Schattierungen jeder Farbe vor Augen führt. Räume, gefüllt mit weißen Dingen, finden sich in einem Geschäft, in welchem früher Kohle verkauft wurde. Schwarze und weiße Objekte – ausgestopfte Hunde, Fußbälle und (provozierend) jede Menge Exemplare von gedruckten, frankierten und handgeschriebenen Texten – befinden sich jetzt im Inneren eines Fachwerkhauses. Rotes Zeug besetzt das alte Hauptquartier der SPD. Schon bald werden grüne Waren in einem früheren Dritte-Welt-Laden lagern.

Und letzten Endes hofft Gottschalt schon in naher Zukunft ein ganzes Haus als Regenbogen von Räumen gestalten zu können. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der wir unsere Besitztümer wegwerfen und uns den neuen Objekten unseres Begehrens überlassen, ist sie sicher, dass sie genügend Material zur Verarbeitung finden wird.

— Lori Waxman, 25. Juli 2012, 14.03 Uhr

The Surrealists were some of the first artists to recognize the potential of the outmoded, as they wandered through the arcades and flea markets of Paris, drawn by the magnetic power of slipper-spoons and ladies’ gloves. The cycle of consumerism has only gotten faster since then, and more and more objects and spaces have fallen out of use.

Some of these have been lucky enough to find new life in Jutta Gottschalt’s multi-year project “Ein – Farb – Räume.” But what to do with pickling jars and African masks, buttons and seashells, old stockings and stuffed toys? Gottschalt, who has a knack for creating a gentle sense of order out of potential chaos, chose color as her organizing principle, revealing along the way the endless shades of each color. Rooms of white things filled a shop that once sold coal. Black and white objects—stuffed dogs, soccer balls and, provocatively, many examples of printed, stamped and handwritten text—took over the interior of a Fachwerkhäuser. Red stuff occupied an old SPD headquarters. Soon green goods will stock a former One World shop.

Eventually Gottschalt hopes to recreate an entire house as a rainbow of rooms, and given the speed at which we throw away belongings and move on to the next objects of desire, she’s certain to have plenty of material to work with.

—Lori Waxman 7/25/12 2:03 PM

Serie

Alle Kunstkritiken von Lori Waxman in der Übersicht

Zur Person

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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