60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Jutta Kröner

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wie fühlt es sich an in der Luft zu schweben, einen Kilometer oder gar zwei über der Stadt, in der man lebt und über den Hügeln, die sie umgeben, die Sonne im Gesicht und der Wind in den Haaren? Für Vögel ist das nichts besonderes, doch die meisten von uns stehen bloß am Boden und werfen sehnsuchtsvolle Blicke zu ihnen hinauf.

Nicht so Jutta Kröner. Die Kasslerin war da oben, in einem Heißluftballon und das nicht nur einmal, sondern dreimal. Eine solch fantastische Erfahrung war dies gewiesen, dass sie sich entschloss, sie in Form eines ambitionierten Ölgemäldes zu verewigen. Dessen Komposition zeigt die Antriebsmaschinerie des Vehikels, die wohlige Anwesenheit eines menschlichen Begleiters (ihres Ehemanns) und die atemberaubende Ausdehnung der Welt da unten, die vom hübschen Leuchten eines Himmels überstrahlt wird, in dem ein Regenbogen zu sehen ist.

Bedeutsame Abenteuer wurden schon seit alters her von Malern verewigt, doch hier ist der Umstand bemerkenswert, dass die große Tat von der Künstlerin selbst unternommen wurde. Deshalb verwundert es auch ein wenig, dass sich auf der Leinwand nicht die unmittelbare Erfahrung des Gesehenen niederschlägt, das Bild also nicht expressionistisch ist, sondern getreulich repräsentativ. In diesem Sinne fängt Krömers Gemälde nicht das Gefühl ein, von einem Heißluftballon in luftige Höhen getragen zu werden, sondern es ist weit mehr Erinnerung an dieses Gefühl.

Eine Ausnahme mag die seltsame Perspektive sein, welche die Landschaft bietet, über die das Paar hinwegschwebt – der Boden spannt sich auf eine Weise, die fremdartige Bewegung und Geschwindigkeit suggeriert. Fühlt es sich so an, wenn man da oben im Himmel ist? Fragen Sie einen Vogel – oder aber: Besteigen Sie selbst die Gondel eines Ballons!

— Lori Waxman, 16. Juni 2012, 16.23 Uhr

What does it feel like to float up in the air, a kilometer or even two above the town and hills where you live, the sun on your face and the wind in your hair? Birds do it all the time, but most of us just stand on the ground and gaze longingly at them in flight.

Not Jutta Kröner. The Kasselerin has been up in a hot air balloon not once but three times, an experience magnificent enough to her that she chose to memorialize it in an ambitious oil painting, one whose composition admits the machinery of the vehicle, the comforting presence of another human companion (her husband), and the stunning expanse of the world below, lit by the pretty glow of a rainbow sky.

Meaningful adventures have long been commemorated by painters, but what’s notable here is that the exploit was undertaken by the artist herself. So it comes as somewhat of a surprise to find that the canvas doesn’t convey this direct experience, being not expressionistic but faithfully representational. In that sense, Kröner’s painting doesn’t capture the feeling of going up in a hot air balloon so much as it stands as a reminder of it.

One exception might be the odd perspective of the land that lies just beneath the flying couple, the ground stretched out in a way that suggests unfamiliar movement and speed. Is that what it’s like up there in the sky? You’d have to ask a bird—or go up in a balloon yourself.

—Lori Waxman 6/16/12 4:23 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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