60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Jutta Schlier

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Üblicherweise sind Naturdarstellungen horizontal angelegt, weil das für eine makrokosmische Sicht der Landschaft notwendig ist.

Jutta Schlier schafft vertikale, und das steht im Zusammenhang mit ihrer von Natur aus mikrokosmischen Aufmerksamkeit, die sie den Details der Pflanzenwelt schenkt: dem Tau, der sich an einem Blatt sammelt, den Wurzeln, die sich in die Erde hinein erstrecken, den winzigen Engeln, die zwischen den Blättern herumschwirren. Eine Komposition mit diesen letztgenannten Motiven scheint die himmlische Grundstimmung der Gemälde Schliers zu bestätigen, deren Form und durchscheinende Farbgebung an das gefärbte Glas von Kirchenfenstern denken lässt. Die einzigartige Malmethode der Künstlerin – sie benutzt Wasser und Tücher, um Acryl auf Holz aufzubringen, und vollendet dann mit Bleistift oder feiner Pinselarbeit – setzt eine solche Deutung fort.

Hier wird eine Oberfläche geschaffen, deren Schichtung und Zufälligkeit auf die Dichte und Fleckigkeit von schwerem, gefärbten Glas anspielt, ebenso aber auch auf die Vielfalt und Schönheit biologischer Lebensformen, deren Entstehung und Wachstum wir nur zum Teil verstehen und uns viel zuwenig die Zeit nehmen, darüber nachzudenken.

— Lori Waxman, 15. September 2012, 15.59 Uhr

Representations of the natural world are typically horizontal in orientation, because that’s what you need for macrocosmic views of the landscape.

Jutta Schlier’s are vertical, and this feels innately tied to her microcosmic attention to the details of plant life, to the dew that gathers on a leaf, the roots that plunge into soil, the tiny angels who flit about between the fronds. A composition on this last subject seems to confirm the divine temperament of Schlier’s paintings, whose shape combines with luminescent color to suggest stained glass church windows. The artist’s unique method of painting—she uses water and rags to manipulate acrylic on wood, then finishes it off with pencil or fine brushwork—extends these readings.

A surface is created whose layering and randomness echo the density and mottling of thick, colored glass, but also the complexity and beauty of biological life forms whose genesis and growth we only partly understand, and too rarely take the time to contemplate.

—Lori Waxman 9/15/12 3:59 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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