60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Klaus Stawinski

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Klaus Stawinski macht sehr triviale Schnappschüsse von ebenso trivialen Motiven: Ein Schaufenster mit Geigen, ein Hausflur mit Ziegelwänden, ein Kornfeld, ein Lampenmast, eine Brücke über die Fulda. Das sind keine großartigen Fotografien, doch das brauchen sie auch nicht zu sein, denn Stawinski interessiert sich gar nicht für fotografische Qualitäten.

Er nennt sich selbst „Digitalmaler“ und hat eine Methode entwickelt, diese Bilder in surreale Ansichten der wirklichen Welt zu verwandeln. Er arbeitet ohne Computer und nutzt ausschließlich die Möglichkeiten seiner Digitalkamera, um Farbe und Kontrast zu manipulieren. Was dabei herauskommt, könnte man erweitere Realität nennen. Ohne Zweifel handelt es sich dabei um eine begierige, psychedelische und malerische Vision. Warum aber malerisch und nicht fotografisch?

Wenngleich Stawinski seine begriffliche Wahl mit dem Effekt begründet, den seine Arbeiten haben und dabei darauf verweist, dass die Fotografien den Eindruck des Malerischen hinterlassen, legt sich doch auch noch eine weitere Hypothese nahe.

Ein Fotograf stellt die Welt so dar, wie sie auf der anderen Seite der Linse ist, wohingegen die Malerin oder der Maler eine Welt darstellt, die in ihr oder ihm existiert. Am Ende des Pinsels befindet sich nichts weiter als formlose Farbe, bis sich der Maler oder die Malerin dazu entschließt, etwas damit zu machen. Und genau das tut auch Stawinski, wenn er eine graue Straße unweit des Kasseler Bahnhofs in eine geheimnisvolle Allee verwandelt, in welcher Bäume stehen, die in tiefem Purpur leuchten.

— Lori Waxman, 13. Juni 2012, 14.24 Uhr

Klaus Stawinski takes very banal snapshots of equally banal subjects: a display of violins, a brick corridor, a cornfield, a lamppost, a bridge over the Fulda. These are not good pictures and they do not need to be, because Stawinski is not at all interested in them for their photographic qualities.

He calls himself a “digital painter” and has developed a means of transforming these images into surreal versions of the real world. He works without a computer, using only the settings on his digital camera in order to perform manipulations of color and contrast. The results might be called enhanced reality, and certainly they imply an eager, psychedelic, painterly vision. Why painterly and not photographic?

Although Stawinski explains his choice of terminology in terms of the work’s effect, noting that it looks painted, another hypothesis suggests itself.

A photographer represents the world as it exists on the other side of the lens, whereas a painter represents the world as it exists within him or herself. There’s nothing but amorphous paint on the end of a paintbrush, unless the painter chooses to do something with it. And that, ultimately, is what Klaus Stawinski does, when he turns a grey street near the Kassel train station into a mysterious avenue planted with trees of the most iridescent purple.

—Lori Waxman 6/13/12 2:24 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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