60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Laura Link

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Körper sind eigentlich etwas ziemlich ekelhaftes, wenn man sie einmal näher besieht. Haut trocknet aus und wird rissig, Fingernägel überziehen sich mit Pilzbelag, Blasen springen an den Lippen auf, Blut gerinnt, Schleim läuft.

Wie malt man all das auf feierliche, persönliche, ehrliche und zeitgenössische Weise? Laura Link tut das, indem sie Leinwände von besonderer Form benutzt, darunter runde und ovale Tondi; indem sie auf diese schimmerndes Blattgold ebenso freimütig aufbringt wie stark riechende Zahnpaste und granulierten Hasenleim; indem sie einen gigantischen Zeh neben auf groteske Weise große Mandelkekse und einen kitschigen rosafarbenen Flamingo stellt.

Sind das gewaltige Bildzeichen oder bizarre Fetische? Wahrscheinlich sind sie ein bisschen von beiden. Links Paradestück ist aber ein Gemälde, das an der Decke gleich dem der Sixtinischen Kappelle hängt, nur bei ihr bestehen die Himmel aus den fleischigsten aller körperlosen Farben und das Ganze ist darüber hinaus noch dekoriert mit Lichtstrahlen, die sich aus Lutscherstielen und Kathederschläuchen zusammensetzen. Das ist eine Kirche des Körpers – mit all seiner Lust und seinem Schmerz.

— Lori Waxman, 14. Juli 2012, 17.50 Uhr

Bodies are really kind of gross, when you get right down to it. Skin dries out and cracks, fingernails thicken with fungus, mouths blister, blood coagulates, mucus runs.

How to paint this in a celebratory, personal, honest and contemporary fashion? Laura Link does so by using canvases stretched into the special shapes of round and oval tondos; by applying shimmery gold leaf as freely as smelly toothpaste and crackly rabbit-skin glue; by picturing a giant toe alongside grotesquely large almond cookies and a kitschy pink flamingo.

Are these immense icons or weird fetishes? Perhaps they are a bit of both. Link’s piece de résistance, after all, is a painting hung on the ceiling à la Sistine Chapel, only here the heavens are created from the fleshiest of disembodied colors, and the whole is decorated with rays formed from lollipop sticks and catheter tubes. A church for the body this is—in all its pleasure and pain.

— Lori Waxman 7/14/12   5:50 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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