60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Leona (Angelika Loewe)

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Ein ganzes Jahr lang, jeden Tag, kräuselte Leona ihre Lippen und küsste anschließend kleine weiße Leinwände. Unterhalb der roten, rosa- oder pfirsichfarbenen Abdrücke ihres Lippenstifts vermerkte sie jeweils Ort und Datum. Auch fotografierte sie jedes Mal diese Geste. Was bedeutet es nun, wenn man jeden Tag dieselbe Handlung tätigt? Viele von uns machen viele Dinge tagtäglich: Wir stehen auf, wir putzen die Zähne, essen unsere Mahlzeiten, schlafen.

Daran ist nichts Außergewöhnliches, es sei denn, wir machen diese Verrichtungen zu etwas Besonderem. Daran ist auch nichts von Dauer, es sei denn, wir entscheiden uns dafür, etwas Dauerhaftes daraus entstehen zu lassen. Wenigstens seit den 60er Jahren jedoch haben Künstler entschieden, dass der Stoff, aus dem unser Alltagsleben besteht, in der Tat erinnerungswürdig ist. On Kawara gab die Zeit bekannt, zu der er erwachte, ja sogar jeweils den Umstand, dass er am Leben sei. Andere Künstler haben den Himmel fotografiert oder die Nahrungsmittel, die sie aßen. Leona aber scheint etwas ziemlich anderes markieren zu wollen, etwas Klebriges und sogar ein wenig Unordentliches, etwas, das gefühlvoll ist und sexy.

Für wen sind diese Küsse gedacht? Sind sie für die Kunst bestimmt? Für sie selbst? Für den Betrachter? Manchmal hat es den Anschein, diese Küsse wollten mit uns flirten, dann wieder scheinen sie voller Liebe, manchmal nur höflich. Nichtsdestotrotz geht das so 365 Tage, ohne Ausnahme, ohne Abweichung. Und das enthüllt vielleicht am besten die wahre Hingabe.

— Lori Waxman, 13. Juni 2012, 14. 57 Uhr

Every day for one year, Leona puckered up and kissed a small white canvas. Underneath the red, pink or peach marks left by her lipstick, she inscribed the date and location. She also took a picture of her gesture. What does it mean to perform the same act every day for an entire year? Most of us do many things daily: we get up, brush our teeth, eat our meals, sleep.

There is nothing special about any of this, unless we decide to make it so. Nor is there anything permanent about any of this, unless we decide to make it so. Since at least the 1960s, however, artists have decided that the stuff of quotidian life is indeed worth memorializing. On Kawara has announced the time he wakes up, the date, even the very fact of his being alive. Other artists have taken pictures of the sky or the things they eat. Leona, for her part, seems to be marking something quite different, something sticky and even messy, something emotional and sexy.

Who are these kisses for? Are they for art? Are they for herself? Are they for the viewer? Sometimes they seem flirtatious, sometimes loving, sometimes just merely polite. And yet, they go on for 365 days, without fail, without deviation. That, perhaps, reveals dedication most of all.

—Lori Waxman 6/13/12 2:57 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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